Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

(G  2)  Schwierig  zu  beurteilen  bleibt  jedoch  die  Identität  des  auf  Pergament
geschriebenen  petit  livre  ...  appelez  HerculusM6
Wer  waren  nun  diese  beiden  doch  beachtlichen  Büchersammler?
Die  Adelssippen  der  Chaversson  und  der  Gournay  waren  eng  verbunden:
Michiel  Chaversson  war  Sohn  des  Jean  Chaversson  und  der  Barbe  de  Gournay,
er  heiratete  wiederum  1504  Gertrude  de  Gournay,  Tochter  des  François  de
Gournay  und  der  Perrette  Louve.  Die  Karriere  des  Michiel  Chaversson
entsprach  der  nach  allen  Seiten  patrizischen  Abkunft:  147
-  amant  von  Saint-Gengoulf
-  1507  maître-échevin
-  1510  échevin  du  Palais
-  1514  erneut  maître-échevin
-  1519  in  dem  das  Stadtregiment  ausübenden  Gremium  der  Treize
-  1523  noch  einmal  zusammen  mit  seinem  Bruder  Joachim  unter  den  Treize.
Wenn  nun  bei  beiden  Patriziern,  Schwiegervater  und  Schwiegersohn,  mit  ihren
ausgeprägten  Interessen,  in  ihren  Bibliotheken  jeweils  ein  deutsches  Buch
auftaucht,  so  ist  dies  trotz  der  quantitativen  Geringfügigkeit  doch  von  hoher
Bedeutung:
François  de  Gournay  besaß  ein  gedrucktes  livre  rendu  formulaire  en  allement
(G  9),  das  aber  wohl  nicht  mit  dem  1482  in  Metz  gedruckten  Formularbuch

146  Das  Verzeichnis  nennt  ung  petit  livre  en  parchemin  escript  de  lettre  à  la  main  appeliez
herculus.  Möglicherweise  handelt  es  sich  angesichts  der  humanistischen  Interessen  von
François  le  Gournay  um  eine  Abschrift  von  Senecas  .Hercules  Furens*,  der  im  15.  Jh.
wiederentdeckt  wird.  Vgl.  Galinsky,  Gotthard  Karl:  The  Heracles  Theme.  The  Adaptions
of  the  Hero  in  Literature  from  Homer  to  the  20th.  Century,  Oxford  1972,  S.  196f.  Eine
zweite  Möglichkeit  besteht  darin,  daß  es  sich  um  den  beliebten  .Recueil  des  hystoires  de
Troyes*  von  Raoul  Le  Fèvre  (1464),  Kaplan  des  burgundischen  Herzogs  Philippe  le  Bon,
handelt,  dessen  ersten  beiden  Bücher  auch  separat  unter  dem  Namen  ,L’histoire  de
Hercules*  (gedruckt  Paris  1500)  kursierten.  Vgl.  ebd.  S.  191,  225  m.  Anm,  11;  Jung,
Marc  René:  Hercule  dans  la  littérature  française  du  XVIe  siècle.  De  T  Hercules  courtois  à
l'Hercule  baroque,  Genf  1966,  S.  13ff,,  30ff.
147  vgl.  zur  Familie  Chaversson:  d’Hannoncelles  (wie  Anm.  44),  Bd.  2,  S.  49;  Salverda  de
Grave/Meijers/Schneider  (wie  Anm.  69),  S.  IX.  In  einem  seiner  juristischen  Bücher  hat
Michiel  Chaversson  offenbar  selbst  seine  Genealogie  eingetragen,  wie  das  sein
Verzeichnis  (Nr.  4)  andeutet:  ...tous  les  enjfans  que  seigneur  Jehan  Chaversson  mon
père  et  je  seigneur  Michiel  Chaversson  son  filz  ont  eu.  Et  encore  tous  les  enfanns  que
seigneur  Francoy  le  Gournais  a  eu  de  dame  Peratte  Louve,  sa  première  femme,  et  de
dame  Francoize,  sa  seconde  femme.  Nach  d’Hanoncelles  (S.  52)  existierte  das  Hôtel  de
Chaversson  noch  zu  seiner  Zeit,  „situé  au  bout  de  la  rue  des  Trinitaires,  à  gauche,  au  fond
d’un  cul-de-sac,  en  face  de  la  rue  de  la  Glacière“.

90
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.