Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

(30)  die  miracles  de  notre  dame  (Marienmirakel,89  aber  wohl  unbestimmbar,
  welche  Sammlung).
Dazu  kommen  zwei  Wallfahrtsbücher,  davon  freilich  eines,  das  eher  unter  die
erbaulichen  Schriften  einzureihen  wäre:
(35) ein  livre  parlant  du  voaige  de  Jherusalem  et  des  coustumes  du  pais
[möglicherweise  dieselbe  ,Jerusalemreise4  wie  bei  den  d’Esch],90
und  höchst  bemerkenswert,  aber  nur  im  übertragenen  Sinne  ein  Wallfahrtsbuch:
(16)  der  premier  livre  du  peilerin,  die  öfter  genannte  ,Pilgerfahrt  des
träumenden  Mönchs1  des  Guillaume  de  Deguileville,  die  auf  Grund
einer  Metzer  Vorlage  im  Umkreis  der  Gräfin  Elisabeth  von  Nassau-Saarbrücken
  und  ihrer  Tochter  Margarethe  von  Rodemachern  ins
Deutsche  übersetzt  wurde.91
Dieser  Sektor  ist  mit  erstaunlichen  25  Bänden,  rund  einem  Viertel  des  Bestands,
besetzt.  Man  fragt  sich,  woher  diese  Vielfalt  und  Dichte  kommt?  Wie  aus  einem
Zinsbuch  hervorgeht,  hatten  die  Chaverssons  ein  Attachement  zum  Altar  des  hl.
Georg  in  der  Metzer  Kathedrale;  nach  Philippe  de  Vigneulles  besaßen  sie  aber
118-123;  157-258,  besonders  S.  118ff.  (8  Handschriften);  Musil,  William:  Le  Roman  de
Saint  Fanuel.  Édition  critique.  Diss.  Univ.  of  Chicago  1977  (dazu  Diss.  Abstracts  38,
1977/78,  1374-A).
89 Vgl.  zu  den  zahlreichen  altfrz.  Marienmirakelsammlungen  Gier,  A.,  in:  Lexikon  des
Mittelalters,  Bd.  6  (1992),  Sp.  266-268.  Es  gab  Marienmirakelspiele.  Vgl.  Paris,  Gaston  /
Robert,  Ulysse  (Hgg.):  Miracles  de  Nostre  Dame  par  personnages,  8  Bde.,  Paris  1876-1893;
  Stadler-Honegger,  Marguerite:  Étude  sur  les  Miracles  de  Notre-Dame  par
personnages,  Paris  1926.
911  Das  15.  Jh.  ist  das  „goldene  Zeitalter“  der  Jerusalem-Wallfahrt  (ca.  400  Berichte).  Vgl.
Schein,  S.,  in:  Lexikon  des  Mittelalters,  Bd.  5  (1990),  Sp.  355.  Auch  im  Metzer  Patriziat,
bei  Jacques  d’Esch  bzw.  bei  Nicole  Louve  (1428)  und  André  Voey  de  Ryneck  z.B.,  die
sich  beide  im  Heiligen  Lande  zu  Rittern  schlagen  ließen,  war  die  Jerusalemwallfahrt
beliebt  und  mündete  in  literarische  Verarbeitung.  Vgl.  o.  Anm.  66;  Bruneau  (wie  Anm.
1),  S.  167.  Auch  Herzog  Anton  von  Lothringen  besaß  -  allerdings  als  Druck  -  einen
,Veage  de  Jherusalem4:  Vgl.  Collignon,  Albert:  „La  bibliothèque  du  duc  Antoine“,  in:
Mémoires  de  l’Académie  de  Stanislas  157  (1906/07),  S.  114,  Nr.  114.
91 Vgl.  zu  Guillaume  de  Deguilleville  (t  nach  1358),  einem  normannischen  Zisterzienser,
Briesemeister,  D.,  in:  Lexikon  des  Mittelalters,  Bd.  4  (1989),  Sp.  1780L;  Haubrichs  (wie
Anm.  28),  passim.  Auch  Herzog  Anton  von  Lothringen  besaß  ,Le  Pelerin  en  françois4:
Vgl.  Collignon  (wie  Anm.  90),  S.  110  Nr.  96.  Es  handelt  sich  um  ein  in  der  Tradition  des
,Roman  de  la  Rose4  stehende  allegorische  Pilgerfahrt  der  menschlichen  Seele,  also  nicht
eigentlich  um  ein  Wallfahrtsbuch,  sondern  um  eine  moralische  Erbauungsschrift  in
poetischer  Form,  die  mehrere  Fortsetzungen  in  Buchform  erfuhr,  deren  bekanntestes
Buch  aber  der  premier  livre  blieb.

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