Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

anmutig  debattieren.68  Unter  diesen  Gesellschaftsstücken  finden  sich  nun  -  von
einer  Hand  um  1500  niedergeschrieben  -  auch  zwölf  deutsche  Verse,  es  sind
Merkverse  rund  um  die  ersten  sieben  Zahlen:  z.  B.  eine  schibe  („Kreis,
Scheibe“),  drei  wertvolle  Dinge,  fünf  Sinne,  sieben  Tage.  Die  Auflösungen
sind  freilich  durch  komplizierte  Wortspiele  enigmatisiert,  und  es  bestand  wohl
die  Kunst  darin,  diese  Rätsel  (traxe)  im  geselligen  Spiel  aufzulösen.  Dies  war,
wenn  auch  spielerisch  gemeint,  eine  nicht  geringe  Anstrengung  und  erforderte
zweifellos  eine  beachtliche  Sprachkompetenz  von  seiten  der  unterhaltsamen
Gesellschaft,  auch  wenn  erhaltene  französische  Übersetzungen  -  von  der
gleichen  Person  offenbar  ad  hoc  niedergeschrieben  -  Hilfestellung  leisten
konnten.
Die  Handschrift  -  im  frühen  fünfzehnten  Jahrhundert  entstanden  -  enthält  zu
Beginn  zahlreiche  Texte  religiöser  Inspiration  und  frommen  Inhalts,  z.  B.  den
,Saint  Voyage  de  Jérusalem  du  seigneur  d’Anglure\  Gebete  ipreces,  collecta)
und  Litaneien;  einen  ,Débat  de  Jésus-Christ  et  de  l’âme4;  la  ,Riote  du  Monde4;
ferner  moralische  Exzerpte,  Sentenzen  aus  Predigten,  Aristoteles  und  Pseudo-Aristoteles-Traktate,
  Cato  und  Didaktiken.  Das  Manuskript  macht  ganz  den
Eindruck  eines  Hausbuchs,  zu  praktischem  Gebrauche  bestimmt,  an  dem  auch
weitere  Familienmitglieder  im  fünfzehnten  Jahrhundert  weiterschrieben.  Die
Texte  scheinen  zu  großem  Teile  Lesefrüchte,  die  Verse  durchweg  aus  dem
Gedächtnis  notiert:  Wenn  sich  in  diesem  Gedächtnis  auch  deutsche  Verse
befanden,  wenn  gelegentlich  auch  spielerisch  deutsche  Verse  die  patrizische
Gesellschaft  zu  beleben  oder  zu  belustigen  vermochten,  so  ist  dies  zwar  nicht
viel,  zeigt  aber  bei  völlig  überwiegendem  französischen,  metzischem  Charakter
der  zivilisatorischen  Praxis  doch  Ansätze  einer  doppelten  Sprach-  und
Kulturkompetenz.
2)  Die  Handschrift  142  (vormals  198)  der  Bibliothèque  de  Nancy69  enthält  von
der  Hand  des  Patriziers  Michiel  Chaversson  eine  riesige  Sammlung  der  ,Atours
et  Ordonnances  de  Metz4,  eine  Sammlung  des  droit  coûtumier,  des  Rechtes  von
Metz,  repräsentiert  durch  die  Urteile  und  Satzungen  der  maître-échevins,  der
Meisterschöffen  des  Metzer  Staates.  Auf  den  Schutzblättem  am  Ende  dieses
Bandes  notierte  Chaversson  im  ersten  Viertel  des  16.  Jahrhunderts:
S’ensuivent  cy  après  tous  les  livres  que  je  seigneur  Michiel  Chavresson  a  en  ma

68  Christine  de  Pisan:  Oeuvres  poétiques,  ed.  Martin  Roy,  2  Bde.,  Paris  1886-1896,  hier  Bd.
2,  S.  31;  vgl.  Hoepffner,  M.:  „Frage-  und  Antwortspiele  in  der  französischen  Literatur
des  14.  Jhs.“,  in:  Zeitschrift  für  Romanische  Philologie  33  (1909),  S.  695-710;  Meyer,
Paul:  „Le  salut  d’amour  dans  les  littératures  provençale  et  française“,  in:  Bibliothèque  de
l’Ecole  des  Chartes  28  (1867),  S.  124-170.  Eine  Edition  der  deutschen  Bestandteile  der
Epinaler  Handschrift  bereitet  Martina  Pitz  (Saarbrücken)  vor.
69  Catalogue  général  des  manuscrits  de  France,  Bd.  IV,  Paris  1872,  S.  153;  Meijers,  E.M.  /
Salverda  de  Grave,  J.J.  /  Schneider,  L:  Le  droit  coûtumier  de  la  ville  de  Metz  au  moyen
âge,  Bd.  1,  Haarlem  1951,  S.  IXff.

69
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.