Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

vorwegzunehmen:  er  ist  vorhanden,  aber  nicht  groß.
Zwei  Fallbeispiele  lassen  sich  anführen,  in  denen  direkte  Zeugnisse  einer
Rezeption  deutscher  Literatur  vorliegen:
1)  Der  schon  genannte  berühmte  Jacques  d’Esch,  Handschriftensammler,
Chronist,  hat  mit  eigener  Hand  eine  Sammlung  höfischer  Poesie  angelegt,  die
in  der  Handschrift  Épinal  189  (eigentlich  Nr.  59)  erhalten  ist;66  sie  enthält
vorwiegend  gereimte  Liebesgrüße  und  Stücke  der  in  Frankreich  so  beliebten
„débats  d’amour“,  elegant  vorgegebene  Auseinandersetzungen  in  Versen  um
gesetzte,  selten  ernst  gemeinte  Liebesstreitfragen  (wie  sie  übrigens  auch  in  den
,Voeux  du  Paon4  des  Jacques  de  Longuyon  beschrieben  werden),  etwa  die
demande:
Aux  fins  amans  qui  aime  hault,
quelle  est  la  chose  que  mieux  [leur]  valt,
Et  au  plux  grant  besoing  leur  fault?
[„Was  ist  den  edlen  Liebenden,  die  hoher  Minne  pflegen,  das,  was  am  meisten
ihnen  gilt  und  was  am  stärksten  ihre  Nöte  stillt?44]
Kurze,  durchaus  verblüffende  Antwort:
Bialz  perleir
[„Schöne  Reden  führen  !“]
Es  kommen  dazu  noch  sogenannte  daillements,  die  in  vielen  Kulturen  bekannte
Kunst,  auf  ein  Couplet  schnell  mit  einem  Couplet  zu  antworten  (dailler  heißt
„s’enfuir  à  toutes  jambes“)  und  Balladen,  darunter  auch  die  von  dem  Metzer
chevalier  Nicolle  Louve  verfaßte  Ballade  über  seine  Meerfahrt  zum  Heiligen
Grabe  vom  Jahre  1428.67  Alle  diese  Gedichte  zeigen  wohl  den  esprit  de
chevalier  einer  höfischen  Kultur,  zugleich  sind  sie  aber  auch  von  hohem
Gebrauchswert  als  höfische  Unterhaltung,  als  Gesellschaftsspiele.  Christine  de
Pisan  hat  jene  Zusammenkünfte  von  Adligen  (nobles  gens)  beschrieben,  die  -
reich  an  Ehren,  schön  und  höflich  -  am  Tisch  von  höfischer  Zucht  und  Ehre
reden,  Stücke  aus  Romanen  rezitieren,  graziöse  dicta  („Gedichte“)  vortragen
und  Weisen  von  Liebe  singen,  die  schließlich  über  delikate  Streitfragen

66  Bruneau  (wie  Anm.  11),  S.  167ff.  Dort,  S.  169,  eine  Rekonstruktion  der  erhaltenen  Reste
der  wohl  ehemals  sehr  bedeutsamen  Bibliothek  der  Familie  d’Esch.  Zur  Lebensgeschichte
des  Chronisten  vgl.  Wolfram  (wie  Anm.  11),  S.  LXXVIIIff.
67  Bruneau  (wie  Anm.  11),  S.  172f.  Die  Handschrift  enthält  auch-von  einem  Schreiber  aus
dem  Kreise  der  d’Esch  -  die  Mystifikation  einer  saint  voyage  de  Jérusalem,  die  den
Zweck  hatte,  „in  dem  Leser  den  Glauben  zu  erwecken,  daß  der  Metzer  Schreiber  selbst
die  in  Wirklichkeit  von  Ogier  VIII.  von  Anglure  ausgeführte  Pilgerfahrt  getätigt  und
aufgezeichnet  habe“.  Vgl.  Keuffer  (wie  Anm.  3),  S.  121  ff.;  François  Bonnardot/Auguste
Longnon:  Le  saint  voyage  de  Jherusalem  du  seigneur  d'Anglure,  Paris  1878,  S.  Vllff.
lOlff.

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