Full text: Grenzkultur - Mischkultur?

Für den Wohnungsbau hatte die Zurückhaltung der öffentlichen Stadtplanung 
Vorteile, wie man in Beifort erkennen kann. Insgesamt wuchs die Bevölkerung 
der alten Festung von knapp 8.000 Einwohnern 1872 auf 32.500 Einwohner 
1901 und schließlich 39.000 bis 1914. Der Faubourg des Vosges im Norden der 
Stadt vergrößerte sich innerhalb weniger Jahre nach 1871 zur Aufnahme der 
neuen Arbeiter aus dem Elsaß und auch aus dem Umland mit rasantem Tempo. 
Zwischen 1871 und 1914 entstanden in dieser größten Vorstadt Beiforts, in der 
1886 bereits 30% der gesamten städtischen Einwohnerschaft wohnten, mehr als 
4.000 Wohnungen. Für eine so starke Wohnungsproduktion gab es weder in 
Schlettstadt noch in Landau einen Bedarf. Dort war die Bevölkerung zwar 
ebenfalls gewachsen, doch nicht in diesem Ausmaß. Landau hatte 1871 eben¬ 
falls knapp 8.000 Einwohner, 1905 waren es dagegen an die 18.000. Schlett¬ 
stadt hatte das geringste Wachstum zu verzeichnen: Bedingt durch den Deutsch¬ 
französischen Krieg und den Wegzug wohl vor allem in das nahegelegene 
expandierende Straßburg sank die Zahl der Einwohner von um 1850 etwa 
10.000 Einwohnern auf unter 9.000 im Jahre 1873 und stieg dann bis 
Kriegsbeginn auf den früheren Stand an. 
Landau und Schlettstadt wuchsen also deutlich langsamer als Beifort. Doch die 
öffentlich gelenkte Produktion von Stadt war auch zu unflexibel für Bau¬ 
leistungen, wie sie Beifort aufwies. Die private Bautätigkeit schloß in Frank¬ 
reich sehr viel stärker als in Deutschland die Aktivitäten von Unternehmern ein, 
die als Patrons ihrer Betriebe sich aus geschäftlichen wie philanthropischen 
Gründen für den Arbeiterwohnungsbau stark machten. In Beifort hinterließ dies 
Spuren in dem von Georges Koechlin initiierten Projekt der Cité Alsacienne, 
das nach einem kleineren Vorläuferprojekt in den 1880er Jahren ganz in der 
Nähe von Koechlins großem Betrieb im Norden der Stadt verwirklicht 
wurde.28 Das Leitbild war dabei das Familienheim mit Garten zur Selbst¬ 
versorgung. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Ideen solcher privaten und 
genossenschaftlichen Projekte von der Stadt im umfangreichen Bau von cité- 
jardins fortgeführt. Dabei spielten die bereits 1912 gesetzlich ermöglichten 
departementalen oder städtischen Offices Publics des Habitations à Bon Marché 
die entscheidende Rolle. Über diese Ämter wurde durch die Vergabe günstiger 
Kredite die Eigenheimbildung gefördert. 
In Landau gab es keinen von Unternehmern getragenen Wohnungsbau. Die 
Stadt nahm hier die Angelegenheit in die Hand, wobei die Projekte vom 
Umfang her gering blieben. Die Begründungen für den Wohnungsbau und die 
angesprochene Zielgruppe entsprachen den Überlegungen in Beifort. Kleine 
Angestellte und Handwerker sollten ein Häuschen mit Garten für ihre Familien 
zu günstigen Bedingungen am besten erwerben, zumindest aber mieten können. 
28 Vgl. Biehler 1994, Bd. 2, S. 29-32. - Allgemein zur Wohnungsbaupolitik in Frankreich 
Bullock/Read 1985, besonders S. 468-476. 
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