Full text: Grenzkultur - Mischkultur?

hinzusehen, als daß sie zur historischen Analyse einladen würden. Soweit den¬ 
noch geschichtliche Reminiszenzen faßbar werden, stellt der Rechtshistoriker 
meist eine gewisse Neigung zum Anekdotischen fest; wo Kenntnisse fehlen, 
können sich Mythen ungehindert entfalten. Zudem erschwerte die Ideologisie- 
rung der Fragestellung in beiden von uns skizzierten Fällen eine vorurteilslose 
Betrachtung von vornherein. 
Die heutige nationale Ausrichtung der Jurisprudenz, angefangen bei der 
Ausbildung bis hin zur Sozialisierung im Rechtsstab, die den Sinn kaum för¬ 
dert, auf Rezeptionserscheinungen oder Überlagerungen durch fremde Rechts¬ 
elemente zu achten,70 war ein weiteres Hemmnis, den Schlüssel zur Lösung zu 
entdecken. Selbst der Rechtsvergleicher neigt im Kontakt mit anderen 
Rechtsordnungen dazu, Rechtsfiguren oder Einrichtungen, die ihm aus seiner 
Rechtskultur vertraut sind, als glückliche Bestätigung dafür zu nehmen, daß die 
juristische Welt doch überall im Grunde genommen gleich ist, und die 
Harmonie der Lösungen im internationalen Vergleich wird ihn in der 
Richtigkeit seiner Ansicht nur bestärken.71 * Der Rechtshistoriker aber, der in 
geduldiger Arbeit die Fäden ordnet und dem stetigen Aufbau des Gewebes 
folgt, kann sich die Fähigkeit, Rechtsordnungen nicht nur mit der Brille des 
nationalen Juristen wahrzunehmen, sondern auf Mischformen zu achten, für die 
Analyse zunutze machen und damit zum archimedischen Punkt finden, der ihm 
hilft, das Recht der Gegenwart besser zu verstehen.77 
70 Das gilt auch für die Rezeption in den USA, vgl. Freiherr von Marschall, Wolfgang: 
„Max Rheinstein“, in: Lutter, Marcus / Stiefel, Emst C. / Hoeflich, Michael H. (Hg.): Der 
Einfluß deutscher Emigranten auf die Rechtsentw'icklung in den USA und in Deutschland, 
Tübingen 1993, S. 333 ff. 
71 Zum Topos der praesumptio similitudinis vgl. Zweigert, Konrad: „Die „praesumptio 
similitudinis“ als Grundsatzvermutung rechtsvergleichender Methode“, in: Rotondi, 
Mario (Hg.): Inchieste di diritto comparato, 2, Milano - New York 1973, S. 735-758, 
745 ff., der wohl ungewollt ein hübsches Beispiel für eine solche Rückprojizierung 
liefert, denn der zitierte Gedanke zur nachträglichen unverschuldeten Unmöglichkeit aus 
Taylor v. Caldwell (1863) 8 Law Times Reports S. 356-358, stützt sich einmal 
ausdrücklich auf Pothier, „Traité des obligations“ (in: ds,, Œuvres de Pothier, Nouvelle 
éd., Paris 1818, Bd. 3), 3ème partie, Art. I / III, nos 649 ff., 668 und auf die Digesten 
(D.45.1.33), wo der Gedanke häufig vorkommt, so beispielsweise auch in D. 50.17,23. 
77 Für Hinweise im Zusammenhang mit der Entwicklung der Verschuldenshaftung in 
Frankreich möchte ich Herrn Referendar Th. Weiten, Saarbrücken, danken, dessen 
Dissertation sich mit diesem Thema beschäftigt; für die Durchsicht des Manuskriptes bin 
ich Frau Referendarin U. Babusiaux, Saarbrücken, zu herzlichem Dank verpflichtet. 
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