Das französische Beifort hatte immerhin schon 1844 erreichen können, daß ein
„polygone exceptionnel“ zur Ansiedlung freigegeben wurde. Der Rayonbezirk
durfte also bebaut werden, doch die Gebäude konnten im Kriegsfall ohne weiteres
vom Militär abgerissen werden. Auch in Beifort richteten die Bürger immer
wieder Bitten um Entfestigung an die Regierung.8 Die Gründung des
Norddeutschen Bundes ließ jedoch alle Hoffnungen auf weitere Erleichterungen
unrealistisch werden. In Frankreich nahm die Kommunikation zwischen den
Städten vor allem wegen der weniger professionalisierten Stadtverwaltungen
nicht so stark zu wie unter den deutschen Städten. Die Tendenz ist jedoch ähnlich.
Auch Beifort wurde von anderen Festungsstädten, etwa von Perpignan,
angeschrieben. Man wollte Erfahrungen über die richtige Vorgehensweise gegenüber
Staat und Militär austauschen. Das wesentliche an dieser Entwicklung
in Deutschland wie in Frankreich scheint mir zu sein, daß die Städte in beiden
Ländern versuchten, ihre Kommunikation nach außen zu richten, sich sozusagen
in ein „kommunales Internet“ einzuklinken.
Es erscheint uns heute ziemlich leicht nachvollziehbar, daß die Städte ihre
Festungen als Hemmschuh auffaßten. Doch so selbstverständlich ist das nicht.
Im 19. Jahrhundert veränderte sich die Haltung zur Stadt. Die Vorstellung, daß
Mauern keinen Schutz mehr bieten, sondern die Entwicklung hemmen würden,
konnte sich nur unter bestimmten Voraussetzungen bilden.
Erstens setzte die veränderte Haltung zur Festung eine veränderte Idee von
Stadt voraus. Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verboten viele
europäische Städte den Zuzug von außen. An einer Erhöhung der Bevölkerungszahl
war man nicht im entferntesten interessiert, gerade in den durch
Mauern eingegrenzten Städten. Plattes Land und Stadt waren durch die Stadtmauern
hart und deutlich voneinander getrennt. Eine Stadt bildete eine
Korporation für sich, die natürlich auch Kontakte nach außen hatte, aber
zunächst einmal auf sich selbst bezogen war. Diese traditionelle Stadtvorstellung
änderte sich in der Mitte des Jahrhunderts massiv. Verursacht war dies
vor allem durch den Eisenbahnbau. Auf einmal sahen sich Städte als Teil eines
großen Kommunikations- und Wirtschaftsnetzes. Damit wurde die Bedeutung
gerade des Handels gesteigert. Die aus der industriellen Entwicklung herrührende
Vorstellung eines dynamischen und im Prinzip grenzenlosen Wachstums
- ein auch für die Wirtschaft neuer Gedanke in der ersten Jahrhunderthälfte -
wurde nun auf die Stadt selbst übertragen.9
8 Vgl. Panke 1994/1995, S. 19f.
9 Vgl. etwa als zeitgenössische Einschätzungen: Rede des Schlettstadter Bürgermeisters
Geissenberger, in: Archives Départementales du Bas-Rhin 87/AL/2307 und Nessel 1888,
S. 2. - Zum sich zunächst in der Wirtschaft durchsetzenden Gedanken „grenzenlosen
Wachstums“ vgl. Boch 1991.
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