ihm. Der gallische Hahn hatte hier schon Gründlichkeit, die deutsche
Barke einen grazilen Fock.“35
Es ist klar, daß solche höheren Einheiten und Idealmischungen - ob sie nun
„Europa“, „Pazifismus“ oder „reine Menschlichkeit“ heißen - das abendländische
Konsens-Modell nur auf eine andere Ebene innerhalb desselben Systems
verlagern. Ein in den Grenzen westlicher Zivilisation geprägtes Denken - das
ist zumindest die Auffassung von Kulturwissenschaftlem wie Mall oder Bhabha
- ist zu wahrer Hybridität nicht fähig.
Auf der anderen Seite, darüber habe ich an anderem Ort einen kleinen Aufsatz
veröffentlicht, drückt sich kulturelle Hybridität nicht nur in entsprechenden
Lebensläufen und Ideologien aus, sondern auch in den literarischen Strategien,
in ästhetischen Formen und Strukturen bzw,, was den Roman betrifft, im narrativen
Diskurs.36 Die Dezentralisierungen des kulturellen Subjekts sind nicht
zuletzt ablesbar an ästhetischen Phänomenen wie Fremdperspektive oder
Multiperspektivismus, Zeit- und Raumklitterung, Mischung von Gattungen und
Textsorten, textuelle Fremdbestimmtheit (Spiel mit Texten aus unterschiedlichen
Kulturbereichen), Multilingualismus bzw. Schreiben in fremder Sprache
u.v.m. Solche diskursiven Praktiken gibt es freilich nicht erst im postkolonialen
Roman, sondern sie sind Kennzeichen moderner, wenn nicht anti-klassischer
Poetik im allgemeinen. In manchem erinnern sie an die reflexiven, nicht-linearen
Verfahren der Romantik oder an poetische Strategien der manieristischen
Kunstepoche. Interlinguale Mischformen, etwa in der Poesie, reichen
historisch tief in die „abendländische“ Kultur zurück.
Wenn dies so ist, bleibt abschließend die Frage nach dem Innovatorischen aktueller
Entwicklungen - sowohl in der kulturwissenschaftlichen Theoriebildung
als auch auf der literarischen Ebene der Auseinandersetzung mit Fremdheit.
Kulturelle Hybridität, so läßt sich aus dem Beobachteten folgern, findet heute
vor allem eine gesellschaftspolitische und ideologiekritische Begründung: nämlich
als Zurückweisung von Denk-, Handlungs- und Schreibprozessen, die die
Parameter des Eigenen, der eigenen Kultur, verabsolutieren. Dahinter steht
nicht zuletzt die konkrete geschichtliche Erfahrung, daß derartige Verabsolutierungen
- wie Kolonialismus, Rassismus oder religiöser Fundamentalismus
zeigen - auch zu politischen und sozialen Hierarchisierungen oder gar zu
Katastrophen führen können. Insofern vollzieht sich für den Literaturwissenschaftler
die Beschäftigung mit den entsprechenden literarischen
Zeugnissen einer Mischkultur - z.B. Migrations- und Exilliteratur, regionale
35 Ebd. S. 97.
36 Vgl. Schmeling, Manfred: „Poetik der Hybridität - hybride Poetik? Zur ästhetischen
Präsentation von Kulturkonflikten im multikulturellen Roman“, in: Komparatistik -
Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft,
Jg. 1999/2000, Heidelberg 2000, S. 9-17.
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