Paradigma der bikulturellen Schriftsteller der klassischen Avantgarden.
Prinzipiell läßt sich die Zerrissenheit postkolonialer Grenzgänger wie Salman
Rushdie sicherlich mit deutsch-französischen Schriftstellern der elsässischlothringischen
Grenzregion, z.B. mit den Erfahrungen eines René Schickele
oder eines Iwan Goll, vergleichen (freilich unter dem Vorbehalt anderer historischer
Gegebenheiten). Iwan Goll, Jude, im Elsaß geboren, in Lothringen zur
Schule gegangen, deutsch und französisch schreibender Dichter des Exils, vertritt
auf seine Weise ebenso die Wahrheit einer „Doppelperspektive“ wie die
von Bhabha vorgestellten Autoren aus dem postkolonialen Kontext.31 Im Motiv
vom umherziehenden Juden hat Goll diese kulturelle Mehrfachkodierung als
sein persönliches Schicksal gestaltet: „Ich bin der Einzige und das Doppelwesen“,
heißt es in seinem Gedicht „Jean sans Terre, le double“ aus dem
Johann-Ohneland- Zyklus.32
Schriftstellertum und Grenzgängertum sind hier in durchaus produktiver Weise
aufeinander bezogen. Die besonderen lebensweltlichen Umstände, vor allem die
kulturellen, durch Rassismus und politische Verfolgung noch verschärften
Zwänge, machen, so zynisch es klingen mag, schöpferische Energie frei. Diese
Dialektik von kultureller Hybridität und ästhetischer Produktivität gilt für die
klassische Avantgarde aus dem deutsch-französischen Grenzraum ebenso wie
für postkoloniale Nobelpreisträger.
Die Metaphorik eines „Dritten Raumes“ scheint auf den ersten Blick auch bei
René Schickele zu greifen, von dem Kasimir Edschmid sagt, er sei „[...] weder
Deutscher noch Franzose, sondern in diesem Fall fast schon Bewohner eines
fremden Sterns [...]“33 Aber die Ähnlichkeiten haben, wie gesagt, ihre Grenze
dort, wo geschichtlicher Kontext und kulturelle Tradition genauer ins Spiel
kommen. Das Bedürfnis, die Zerrissenheit und Hybridität in einer höheren
Einheit „Europa“ aufzufangen, unterscheidet einen Schickele historisch und
ideologisch dann doch vom postkolonialen Subjekt, wie es uns vermittelt wird.
Edschmid schreibt:
Schält sich nicht aus so zwischen zwei Fronten hin- und hergehetzter Figur
[...] die europäische reine Menschlichkeit?34
Wenn einmal das, was heut noch französischer Mensch, deutscher Mensch
heißt, in einer utopischen, aber nicht weniger realen Zeit sich zum Idealtyp
mischt, wird ein Name ausgegraben: Schickele. Es war alles bereits in
31 Vgl. hierzu Schmeling, Manfred: „,In jeder Sprache neu1: Zweisprachigkeit und
Kulturtransfer bei Iwan Goll“, in: Johann Strutz / Peter V. Zima [Hg.]: Literarische
Polyphonie. Übersetzung und Mehrsprachigkeit in der Literatur, Tübingen 1996, S. 157-173.
32 Goll: Jean sans Terre / Johann Ohneland, 1990, S. 290f.
33 Edschmid, in: Edschmid 1960, S. 94.
34 Ebd. S. 95.
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