Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

sozialen  Realität  des  Migranten:  „[...]  nicht  alle  Mutanten  überleben.  Oder,  soziopolitisch
  betrachtet:  die  meisten  Auswanderer  lernen  und  können  zu  Masken
werden.“29

In  den  Satanischen  Versen  wird  der  Leser  in  der  Tat  hineingezogen  in  diese
Welt  permanenter  Maskierungen  des  Ichs,  in  den  Strudel  perspektivischer
Abstufungen  und  Verwandlungen  dessen,  was  kulturelle  „Identität“  bedeutet.
Die  Identitätsproblematik  hat  in  postmodemen  bzw.  postkolonialen  Zusammenhängen
  einen  neuen  Diskussionsstand  erreicht.  Identität  wird  nicht  mehr  als
etwas  begriffen,  das  fest,  homogen  und  zum  Anderen  und  Fremden  hin  klar
abgegrenzt  ist;  entsprechend  konstruktiv  sind  Theorien  der  Ich-Konstitution,  die
sich  auf  interkulturelle  Situationen  beziehen:
All  diesen  Konzepten  ist  gemeinsam,  daß  die  Grenzziehung  und  die  mit  ihr
errichtete  Ordnung  der  Inklusion  und  Exklusion  nicht  als  unabdingbar  für
die  Identitätsbildung  angesehen  wird.  [...]  Es  geht  nicht  um  den  Verzicht
auf  Identität  (dies  ist  philosophisch  undenkbar),  sondern  um  eine  spezifische
  Gestaltung  [...],  die  das  Bewußtsein  um  die  Kontextabhängigkeit  und
die  relative  Reichweite  der  eigenen  Wert-  und  Verhaltensmuster  einbezieht
[...].30
Für  ein  solches  Bewußtsein  sorgen  bei  Ruhdie  die  eigenen  lebensweltlichen
Erfahrungen  zwischen  östlicher  und  westlicher  Kultur.  Ein  weiter  Schritt  war
die  Gestaltung  dieses  Prozesses  in  der  Literatur,  insbesondere  in  den
Satanischen  Versen.  Die  konkreten  Themen  reichen  vom  kulinarischen  melting
pot,  d.h.  kultureller  Hybridität  in  der  Küche,  über  mentale  Mixturen,  politische
und  religiöse  Widersprüche  bis  hin  zur  kulturellen  Stellung  der  Frau,  ein
Thema,  das  Rushdie,  wie  man  weiß,  insbesondere  den  Haß  iranischer
Fundamentalisten  eingebracht  hat.  Daß  dies  alles  zudem  mit  Hilfe  intertextueller
  Referenzen  geschieht  -  es  wimmelt  von  literarischen  Anspielungen  wissen
diejenigen,  die  den  Roman  gelesen  haben.
Gleichwohl  sehe  ich  nicht,  wie  Rushdie,  trotz  der  Unendlichkeit  aller  Verschiebungen,
  Perspektivierungen,  Verwandlungen  usw.,  auf  binäre  Zuordnungen
verzichtet  hätte.  Kultur  hier,  Kultur  dort,  die  dynamischen  Interaktionen
zwischen  beiden  suggerieren  möglicherweise  einen  gleichsam  „fließenden“
dritten  Raum,  aber  die  antipodische  Vergleichsbasis  bleibt  die  logische
Voraussetzung  dafür,  daß  so  etwas  wie  ein  „Hybriditäts“-Bewußtsein  sich
entwickeln  kann.
Ich  stelle  mir  eine  weitere  Frage.  Ist  das  Denkmodell  des  „Dritten  Raumes“  auf
andere  Fälle  übertragbar?  Betrachten  wir  zu  Vergleichszwecken  kurz  das

29  Ebd.  S.  59.
30  Simanowski:  „Grenzziehung“,  in:  Turk  u.a.  [Hg.]  1998,  S.  35.

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