Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Als  Komparatist  fragt  man  sich,  welche  Konsequenzen  diese  andere  Art  der
Gegenstandskonstitution,  dieser  angebliche  Verlust  kultureller  Entitäten  und
Identitäten  für  das  methodische  Vorgehen  hat.  Ist  der  Vergleich  als  Verfahren
der  kulturellen  Differenzierung  nun  seinerseits  obsolet?  Ich  würde  mit  Claude
Lévi-Strauss  die  Meinung  vertreten  (sie  stammt  bereits  aus  den  50er  Jahren),24
daß  die  „Verschiedenheit  der  Kulturen  kein  statischer  Begriff*25  ist  und  daß
keine  Kultur  „in  völliger  Isolierung“  sich  entwickelt.  Auch  seine  kulturrelativistische
  Position  (er  vergleicht  sie  mit  der  unstabilen  Wahrnehmung  aus  einem
fahrenden  Zug  heraus)  steht  ja  im  Dienste  liberaler  Kulturauffassung.  Innerhalb
dieser  arbeitet  Lévi-Strauss  aber  durchaus  mit  typologischen  Positionen  wie
Nähe  und  Feme  zwischen  oder  Gleichzeitigkeit  von  Kulturen,  und  er  findet  die
„Koalition  desto  fruchtbarer  [...],  je  unterschiedlicher  die  Kulturen  waren,  zwischen
  denen  sie  zustande  kam.“26
Ob  man  nun  von  der  „Koalition“  als  Verbindung  zwischen  relativ  festen  kulturellen
  Einheiten  oder  von  einer  gleichsam  prozeßhaften  Hybridität  ausgeht,
Grundlage  des  Vergleichs  ist  stets  die  Bezugsherstellung  zwischen  (mindestens)
zwei  Positionen,  unabhängig  vom  Grad  und  der  Art  der  Unterschiedlichkeit.  Ist
nicht  auch  der  Bewohner  des  „Dritten  Raumes“  zunächst  einmal  auf  binäre
Bezugsherstellung  (hier  /  dort;  vorher  /  nachher;  selbst  /  andere  usw.)  angewiesen,
  auch  wenn  er  als  das  postkoloniale  Subjekt  diese  Ordnung  in  der  konkreten
geschichtlichen  Erfahrung  kultureller  Hybridität  permanent  hintergeht,  d.h.
Unterschiedlichkeit  als  Unentschiedenheit  interpretiert  und  praktiziert?
Kommen  wir  noch  einmal  auf  das  zuletzt  erwähnte  literarische  Beispiel  zurück.
Inwieweit  kann  bei  Rushdie  von  einer  literarischen  Applikation  der  genannten
Theoreme  gesprochen  werden?  In  den  Satanischen  Versen  symbolisiert  sich  die
Geschichte  der  indischen  Auswanderer,  die  in  England  leben  bzw.  zwischen
westlichem  und  östlichem  Kontinent  hin-  und  herreisen:  „Vom  Indischsein  zum
Englischsein,  eine  unmeßbare  Entfernung“,27  heißt  es  im  Text.  Wenn  Rushdie
uns  trotz  dieses  Spannungsverhältnisses  zwischen  den  kulturellen  Antipoden  mit
Verschmelzungsideen  konfrontiert,  so  geschieht  das  unter  quasi-mythischen
Vorzeichen.  „Wie  kommt  das  Neue  in  die  Welt?  Wie  wird  es  geboren?  Aus
welchen  Verschmelzungen,  Verwandlungen,  Verbindungen  besteht  es?  Welche
Kompromisse  muß  es  eingehen,  welche  Abmachungen  treffen,  welchen  Verrat
an  seiner  verborgenen  Natur  üben  [...]?“28  Vom  Mythos  der  „Verwandlung“,
der  freilich  an  Ovids  Metamorphosen  erinnert,  springt  der  Roman  zur  psycho¬24

  Wieder  abgedruckt  unter  dem  Titel  „Masse  und  Geschichte“,  vgi.  Lévi-Strauss,  in:
Konersmann,  1996.
25  Lévi-Strauss:  „Masse“,  in:  Konersmann,  1996,  S.  217.
26  Ebd.  S.  217.
27  Rushdie:  Satanische  Verse,  1989,  S.  49.
28  Ebd.  S.  18.

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