schließenden Verstehens“ sei.19 Kultur wird vielmehr aufgefaßt als ein nie zu
„sich selbst“ findendes offenes System, als strukturelles Dilemma, als eine sich
perpetuierende Unentschiedenheit identifikatorischer Bestrebungen. Daß hier
postmoderne philosophische Auseinandersetzungen mit der Identitätsproblematik
oder auch sprachtheoretische Denkansätze (Derrida, Lacan) für ein
historisches Phänomen, nämlich die Geschichte postkolonialer Migration
nutzbar gemacht werden, ist oft genug betont worden:
Für die Autoren des Postkolonialismus bedeutet das Treiben zwischen den
Kulturen eine lebensweltliche Erfahrung dieses permanenten Driftens der
différance in räumlicher, zeitlicher und sozialer Hinsicht [...]. Kultur muß
als Ort des Widerstreits zwischen Repräsentationen von Welt, Subjekt,
Geschichte usw. verstanden werden. Politische und kollektive Subjekte
sind keine Vorgefundenen Gegebenheiten, sondern diskursive Ereignisse.20
Einer der Hauptvertreter der angesprochenen Richtung, Homi К. Bhabha, zieht
daraus die Konsequenz, daß die „Basis kulturellen Vergleichs“ sich grundlegend
verändert habe:
„Konzepte wie homogene nationale Kulturen, die auf Konsens beruhende
und nahtlose Übermittlung historischer Traditionen oder ,organisch4
gewachsene ethnische Gemeinschaften“ seien obsolet geworden durch das
„transnationalere und übersetzbarere4 Phänomen der Hybridität imaginärer
Gemeinschaften“.21
Und er nennt unter vielen anderen Beispielen Rushdies Satanische Verse, die
ihn daran erinnerten, „[...] daß das verläßlichste Auge nun vielleicht die
Doppelperspektive des Migranten [...]“ sei.22
Eine gelungene Beschreibung dieses theoretischen Ansatzes finden wir im
Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Von der „Hybridität“ als
„interkulturellem Denkmodell“ heißt es: „Diese faßt Kulturkontakte nicht mehr
essentialistisch bzw. dualistisch, sondern entwirft einen ,dritten Raum4, in dem
die Konstitution von Identität und Alterität weder als multikulturelles
Nebeneinander noch als dialektische Vermittlung, sondern als unlösbare und
wechselseitige Durchdringung von Zentrum und Peripherie, Unterdrücker und
Unterdrücktem modelliert wird.“23 Deutlich wird hier auch die ideologiekritische
Position des Ansatzes.
19 Bronfen / Marius: „Hybride Kulturen“, in: Bronfen u.a. [Hg.], 1997, S.12.
20 Ebd. S.l 1.
21 Bhabha: „Verortung“, in: Bronfen u.a. [Hg.], 1997, S.129.
22 Ebd. S.129.
23 Griem, in: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, 1998, S. 221.
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