dialogisch aufzulösen. Das Ergebnis dieses Dialogs ist ein Paradebeispiel für
transnationale Intertextualität. Man kann sagen, daß dieser Text bereits
wesentliche Kriterien postmoderner Ästhetik vorwegnimmt: Zitatcharakter,
Dezentralisierung der Vermittlung, kulturelle Hybridität und ähnliches mehr.
Wenn Prometheus der Kulturbringer ist, so erscheint er als solcher, wie es im
Titel des Textes heißt, eben „schlecht gefesselt“, und das bedeutet: Gide
versteht ihn zugleich als Allegorie der subversiven kulturellen Tätigkeit des
Autors - Allegorie subversiv-konstruktiver Arbeit am Mythos und am Text.
Was wir beobachten, ist die besondere Reflexivität und ästhetische Modernität
des Ansatzes von André Gide, der sich in den theoretischen Aussagen ebenso
äußert wie in der konkreten Hybridität und kulturellen Fremdbestimmtheit
textueller Strukturen. Gleichzeitig stellt man fest, daß diese reflexive
Einstellung gegenüber der Überlieferung, diese kognitive Öffnung gegenüber
dem, was fremd und anders ist, der abendländischen Befangenheit letztlich
nicht entgeht. Gides „Wahlverwandtschaften“, das sind die Bibel (als
literarische Quelle), die Antike, die europäischen Klassiker und - auf
philosophischer Ebene - ein zwischen Aufklärung und Dekadenz sich
einpendelnder Skeptizismus. Für postkoloniale Experimente war bei einem
Gide, trotz franko-afrikanischer Perspektiven in einigen Werken, die Zeit noch
nicht reif.
III. Kulturelle Hybridität in Theorie und Praxis
Programmatisch wird in neueren kulturwissenschaftlichen Ansätzen der Weg
heraus aus der Eurozentrik gesucht. Auseinandersetzungen über Fremd- und
Eigenbedeutung von Kulturen und Texten finden aus einem postmodernen
oder, spezieller, postkolonialen Geschichts- und Kunstbewußtsein heraus statt.
Insbesondere die anglophone bzw. anglistische postkoloniale Kultur- und
Literaturkritik vertritt, gemeinsam mit großen Schriftstellern wie Salman
Rushdie, Amitav Ghosh oder Derek Walcott, eine Position des „dritten
Raumes“, eine Politik zwischen den Kulturen. Entsprechende Entwicklungen
beobachtet man im frankophonen Bereich, wo aus ehemals kolonialisierten
Gebieten heraus neue hybride Kulturen mit Autoren wie z.B. Eduard Glissant,
Assiar Djebar oder Patrick Chamoiseau entstehen. Das Mischprinzip wird hier
ausdrücklich zum Programm. Begriffe wie „métissage“ oder „créolité“ sind Teil
einer politisch inspirierten Poetik des Widerstands - Widerstand auch gegen die
sprachlichen Verfestigungen der dominanten Kultur, das heißt in diesem Fall
der französischen.18 Solche Positionen unterscheiden sich grundlegend von
traditionellen kulturanthropologischen Ansätzen. Bezweifelt wird nämlich, daß
„die jeweils andere Kultur“ überhaupt „ein Objekt möglichen Wissens und ab¬18
Vgl. hierzu Moura, Jean-Marc: Littératures francophones et théorie postcoloniale, Paris
1999.
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