Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

von  ästhetischer  Produktivität,  von  westlicher  Zivilisation.  Ihn  bewegt  um  1900
noch  nicht,  was  heute  z.B.  Ram  Adhar  Mall  bewegt:  die  Überwindung  des
Eurozentrismus.  Für  die  französische  Literatur  fordert  Gide  eine  kulturelle
Offenheit,  die  er  den  nationalistischen  Bestrebungen  seiner  Zeit,  etwa  denen  eines
  Maurice  Barrés,  entgegensetzt.  Als  Gründer  und  Herausgeber  der  Nouvelle
Revue  Française  hatte  André  Gide  ein  europäisch  gesinntes  Forum,  in  dem  er
diese  Offenheit  zum  Ausdruck  bringen  konnte.  1909  schreibt  er  in  einem
Artikel  zum  Thema  „Nationalisme  et  littérature“:  „Car  il  est  à  considérer  que
nos  plus  grands  artistes  sont  le  plus  souvent  des  produits  d’hybridation  et  le  résultat
  de  déracinements,  de  transplantations  veux-je  dire.“11
Die  Bilder-Sprache  -  Hybridisierung,  Entwurzelung,  Verpflanzung  -  ist  als  solche
  auch  heute  noch  aktuell.  Nur  legt  Gide  diesen  Prozeß  interkultureller
Kommunikation,  wie  gesagt,  in  einer  Richtung  aus,  die  an  europäisch-universalistische
  Konzepte  anschließt,  kulturraumspezifisch  im  Sinne  abendländischer
Kunstvorstellung  bleibt.  Begriffe  wie  „génie“  oder  „beauté“  oder  „goüt“  werden
zwar  übernational,  aber  eben  eurozentrisch  verstanden,  wobei  der  Autor  gleichzeitig
  sagt,  daß  die  Werke  französischer  Künstler  diesem  Ideal  des  guten
Geschmacks  am  nächsten  kommen...!12  (Das  erinnert  an  Formulierungen  von
Thomas  Mann,  der  den  kosmopolitischen  Willen  zur  Begegnung  mit  fremden
Kulturen  beschwört  und  den  wahren  Kosmopolitismus  dadurch  hintergeht,  daß
er  im  gleichen  Atemzug  bescheinigt,  den  besten  Kosmopolitismus  habe  er  „auf
deutsch“  erfahren.)
Während  hier  eher  an  die  humanistischen  Grundlagen  europäischer  Interaktion
gedacht  ist,  geht  es  André  Gide  in  einem  anderen  Beitrag  um  Konkreteres,
nämlich  um  die  Frage  des  Einflusses  von  Vorläufern  auf  spätere  Werke.  In  einer
  Zeit  -  der  entsprechende  Vortrag  vor  Brüsseler  Publikum  stammt  vom  29.
März  1900  -  in  einer  Zeit,  wo  Gide  sich  selber  von  Autoren  wie  Shakespeare,
Goethe,  Nietzsche  oder  Dostojewski  nährt,  ist  seine  Apologie  des  Einflusses
auch  biographisch  nachvollziehbar.  Um  eine  Apologie  handelt  es  sich  in  der
Tat,  um  die  Vorstellung  nämlich,  daß  das  Aufeinandertreffen  von  eigener  und
fremder  Kultur,  sei  es  auf  Reisen,  sei  es  im  Werk,  ein  produktiver,  ein  die  aufnehmende
  Kultur  bereichernder  Vorgang  ist.  Gide  versteht  hier  Einfluß  ausdrücklich
  nicht  im  deterministischen,  sondern  im  aktiven  Sinne,  als  „influence
d’élection“,  wörtlich:  als  gewählten  Einfluß,  als  freie  Wahl  dessen,  der  fremde
Anregung  sucht  -  reisend  und  lesend.
In  diesem  Fall  tut  der  Autor  sogleich  das,  wovon  er  spricht:  Er  orientiert  sich
seinerseits  an  einem  berühmten  Vorläufer,  nämlich  an  Goethe.  Dieser  wiederum
galt  und  gilt  noch  heute  als  einer  der  ersten  großen  Dichter  und  Denker  mit  de¬11

  Gide:  „Nationalisme“,  1909,  S.  432.
12  Ebd.  S.  432.

355
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.