Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

netzung  der  interkulturellen  globalen  Situation  kennt  keinen  privilegierten  Ort
und  keine  bevorzugte  Sprache.“8
Ob  Mall  die  Globalisierungstendenzen,  die  ja  auch  Kulturen  und  Sprachen
(Englisch!)  erfassen,  nicht  zu  idealistisch  interpretiert,  mag  dahingestellt  bleiben.
  Jedenfalls  bezeugt  er  uns  die  Theoriefähigkeit  einer  nicht  mehr  sehr  lebendigen,
  aber  im  gegebenen  Zusammenhang  erfolgreich  wiedererweckten
Metapher  -  „Überlappung“  -  und  konfrontiert  diese  mit  dem  Verschmelzungs-Modell:
  „Ich  kann  mich  des  Eindrucks  nicht  erwehren,  daß  der  Verschmelzungsthese
  etwas  Mystisches  eigen  ist.“9 10  Hier  schließt  sich  der  Kreis.  Überspitzt
könnte  man  auch  sagen:  Kulturelle  Verschmelzung  im  Sinne  eines  gemeinsamen
  Verstehenshorizontes  ist  in  dieser  Perspektive  nicht  einmal  wünschenswert
  -  oder  bleibt  eben  Literatur,  wie  im  Falle  unserer  Aufklärungskomödie.

Die  neuere  anthropologisch  oder  ethnologisch  orientierte  Kulturwissenschaft  hat
nun  den  Terminus  „Hybridisierung“  in  die  theoretische  Diskussion  über
Kulturvermischung  eingebracht.  Er  zielt  auf  die  innere  kulturelle  Differenz,  die
postkoloniale  Unentschiedenheit  von  Verortung  und  Ortlosigkeit,  Eigen-  und
Fremdbezug,  Identität  und  Alterität  kultureller  Äußerung.  Auch  dieser  Begriff
des  Hybriden  ist  axiologisch  aufgeladen,  ja  ideologisch  oder  ideologiekritisch
unterfüttert.  Er  hat  eine  imposante  Wortgeschichte.  Die  Tatsache,  daß  lat.
,ibrida‘  durch  Annäherung  an  gr  ,vßpt^  (Exzeß)  zu  ,hybrida4  wird,  erinnert  an
Inkommensurables  als  Ergebnis  der  Mischung,  etwa  in  mythologisch-manieristischen
  Vorstellungen  von  Mensch-Tier-Vereinigungen.  Der  Manierismus-Forscher
  Gustav  René  Hocke  spricht  von  der  „concordia  discors“,  der  paradoxen
  Vereinigung  des  Nichtvereinbaren  und  betont  den  „hybrid-monströsen“
Charakter  solcher  Verbindungen.  10  Diese  ursprüngliche  Idee  einer  (nicht  hintergehbaren)
  VTese/i-sfremdheit  des  Anderen  ist  in  den  modernen  Vorstellungen
von  kultureller  Hybridität  freilich  gelöscht.  Im  Gegenteil,  letztere  erscheint
sowohl  in  den  neueren,  postmodemen  Theorien  von  Homi  K.  Bhabha,  Edward
Said  oder  Clifford  Geertz  als  auch  in  traditionelleren  Ansätzen  als  ein  lebensweltlich
  praktizierbares  und  praktiziertes  Modell,  das  seinen  produktiven
Widerhall  in  der  Literatur  findet.
Exemplarisch  möchte  ich  zunächst  auf  einen  bereits  älteren  literaturkritischen
Ansatz  zu  sprechen  kommen,  in  dem  es  um  die  interkulturelle  Verankerung  literarischer
  „Einflüsse“  geht,  auf  den  Fall  André  Gide.  Gides  Vorstellungen  von
kultureller  Hybridität  sind  insofern  historisch  determiniert,  als  sie  eingebettet
bleiben  in  klassische  Vorstellungen  von  Überlieferung,  von  literarischem  Genie,

8  Ebd.  S.  90.
9  Ebd.  S.  91.
10  Hocke:  Labyrinth,  1973,  S.  90.

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