Als literarische Konstruktion unterliegt dieser „Mischmasch“ den Gesetzen der
ästhetischen Fiktionalität. Als Antwort auf reale Probleme einer „Mischkultur“
ist der Text auch ein historisches Dokument, dessen Kommentierung wir auf
einen späteren Zeitpunkt verschieben müssen.
II. Interkulturelle Modelle im historischen Prozeß
Ich hatte betont, daß die Wahl bestimmter Bilder, Vergleiche und Metaphern
der Konzeptualisierung von Formen und Strukturen interkulturellen Handelns
dient. Es fiel auf, daß die diskursiven Strategien der Literatur und der Kritik
(oder der Theorie) in dieser Beziehung ähnlich sind. Andererseits werden
Unterschiede zwischen den Konzepten durchaus deutlich. So reflektieren die
Begriffe „Verschmelzung“, „Überlappung“, „Hybridität“ (dritter Raum) in der
Tat durchaus unterschiedliche Kulturvorstellungen, die jeweils anderen Denktraditionen
verhaftet sind. Daß die humanistische Idee einer Verschmelzung
nicht auf literarische Fiktionen beschränkt ist, zeigt die Entwicklung
hermeneutischer Theorien bis heute. So spricht Ram Adhar Mall in seinem
Buch über Interkulturelle Philosophie von „Überlappungen“ zwischen Kulturen
- unter anderem, um den seiner Meinung nach unangemessenen Begriff der
„Horizontverschmelzung“ zu vermeiden, Auf der Höhe eines gleichsam
metakritischen Standpunktes, der eurozentristische Kulturbegriffe ablehnt, sucht
Mall Wege der Auseinandersetzung mit der Differenz:
Die interkulturelle Situation ist immer eine Suche nach möglichen
Überlappungen gewesen. Sie ist daher auch immer mit partiellen
Konflikten beladen. Daß man der Kommunikation bedarf und miteinander
kommuniziert, setzt voraus, daß man den Dissens und Differenzen erlebt
hat. Das Phänomen der Überlappung löst nach unserer Überzeugung das
Problem der Universalien; denn die These von der Überlappung ist jenseits
von der totalen Einheit und der völligen Differenz angesiedelt.6
Wirkliche kulturelle „Verschmelzung“ kann oder soll es laut Mall also nicht geben:
Theorien, die das fordern, verraten letztlich „eine bestimmte Tradition, die
den Ton angibt und vereinheitlicht.“6 7 Daß er die philosophische Tradition des
,Abendlandes4, der er als in Deutschland lebender und forschender Inder freilich
mit Empathie und Aufgeschlossenheit begegnet, hinterfragt (Eurozentrismus),
geht aus den weiteren Überlegungen deutlich hervor: „So wie bei Hegel
die christliche, wird bei Heidegger und Gadamer die griechische Tradition
überbewertet und zum Paradigma der Wahrheit erhoben. Die heutige Ver¬6
Mall: Philosophie, 1995, S. 46.
7 Ebd. S. 90.
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