Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

chend.  Für  ihn  ist  die  banale  Erkennis,  daß  Eigenes  letztlich,  zumindest  implizit,
  nur  vor  der  Folie  des  Fremden  Profil  gewinnt,  geradezu  existentiell.
Nicht  nur  für  die  an  Sprache  und  Literatur  interessierten  Wissenschaften  stellt
sich  zunächst  einmal  die  Frage  nach  der  Brauchbarkeit  der  analytischen
Kategorien,  die  im  Zuge  der  Auseinandersetzungen  über  kulturelle  Fremdheit
und  interkulturelle  Kommunikation  entstanden  sind  -  darunter  Bezeichnungen
wie  „Grenzkultur“,  „Mischkultur“,  „hybride  Kultur“  oder  auch  Neuschöpfungen
wie  „Kultur  des  dritten  Raumes“.  Bevor  wir  auf  die  sachlichen  Aspekte  eingehen,
  sei  daher  eine  Bemerkung  zur  kultur-  und  literaturwissenschaftlichen
Begriffsbildung  vorangestellt.  Was  auffällt,  ist  die  metaphorische  Qualität  von
Bezeichnungen,  die  dazu  dienen,  etwas  auszudrücken,  das  mit  traditionellen
Vorstellungen  von  kultureller  Homogenität  und  Abgeschlossenheit  nicht  vereinbar
  ist.  Daß  solche  Metaphorik  schon  immer  Konzeptuelles  und  ideologischen
  Gehalt  transportiert,  kann  gleich  an  einem  Beispiel  verdeutlicht  werden.
So  hat  man  in  Bezug  auf  literarische  Spiegelungen  interkultureller  Prozesse
kürzlich  festgestellt,  daß  „der  dritte  Raum  als  Ort  der  Hybridität,  des  in-between“
  die  „Haupt-Metapher  des  Postkolonialismus“  sei.1  Nicht  weniger  aussagekräftig
  sei  die  Metapher  der  „Brücke“,  die  als  zentrales  Bild  interkultureller
Selbstreflexion  besonders  bei  in  Deutschland  lebenden  und  schreibenden
Türken  zu  beobachten  ist.
Es  scheint  in  der  Tat  lohnend,  darüber  nachzudenken,  mit  welchen  sprachlichen
Mitteln,  mit  Hilfe  welcher  Bildfelder,  kulturelle  Situationen  und  Entwicklungen
  strukturell  ausdifferenziert  werden.  Es  ist  ein  Unterschied,  ob  ich  von
(z.B.  deutsch-jüdischer)  „Symbiose“  oder  eben  von  einer  „Brücke“  zwischen
den  Kulturen  spreche.  Inwieweit  bestimmte  begriffliche  Varianten  eine
inhaltliche  Differenzierung  nicht  nur  suchen,  sondern  wirklich  leisten,  sei  vorerst
  dahingestellt.  Jedenfalls  hat  die  Forschung  (und,  wie  ich  gleich  zeigen
werde,  vor  ihr  die  Literatur)  durchaus  ein  Bewußtsein  für  die  Frage  entwickelt,
welche  begriffliche  bzw.  metaphorische  Umschreibung  die  jeweils  angemessene
sei:  „Die  Brückenmetapher  [...]  faßt  die  tiefere  Bedeutung  des  in-between  weit
besser  als  die  Metapher  vom  dritten  Raum.  Sie  verkörpert  nicht  nur  befreiende
Entgrenzung,  sondern  auch  fröstelnde  Isolation  [...].“2  Wie  man  sieht,  spielen
sich  bereits  auf  der  Begriffsebene  erstaunliche  hermeneutische  Prozesse  ab,  wobei
  es  zu  psychologisierenden  (oder  sind  es  poetisierende?)  Verstärkungen
(„befreiend“,  „fröstelnd“)  kommen  kann.
Ich  möchte  in  diesem  sprachlichen  bzw.  hermeneutischen  Zusammenhang  noch
einmal  auf  einen  der  Leitbegriffe  des  Symposiums  -  „Mischkultur“  -  zurückkommen.
  Es  ist  ja  keineswegs  so,  als  sei  der  ursprüngliche  Gedanke  an  beacker¬1

  Simanowski:  „Grenzziehung“,  in:  Turk  u.a.  [Hg.],  1998,  S.  38.
2  Ebd.  S.  38.
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