lothringische „Patois“ mokiert,29 wenn der saarländische Weltbürger Gustav
Regler in einem Privatbrief das Lëtzeburgerische als „lächerlichen Dialekt“
klassifiziert, „der nicht weiss, ob er sich wie ein Mohammedaner nach dem
Sonnenaufgang wenden soll oder nach dem Westen“, wenn der gebürtige
Luxemburger Norbert Jacques ein dortiges Plakat, das deutsche und französische
(Reiz-)Worte mischt, als „zwitterhaft unfruchtbar“ bezeichnet,30 so
kommt darin auch ein genuin literarisches Anliegen zum Ausdruck: die Suche
nämlich nach dem angemessenen und ansprechenden Ausdruck, nach der
Sprachnorm und ihrer angestrebten Schönheit.
Zwar ist das dabei zuweilen erhobene Postulat einer „reinen“ Sprache natürlich
bloße Fiktion bzw. Fata Morgana. Aber daß man seit Jahrhunderten immer
einmal wieder kritisch den Bestand verbaler Anleihen mustert, von den
barocken Sprachgesellschaften in Deutschland bis zu den jetzigen Initiativen
der Académie Française, scheint auf zeitübergreifende Bedürfnisse intensiver
Sprachbesinnung schließen zu lassen. Die Lust an einer grenzenlosen Verfügbarkeit
oder Bedienbarkeit aus einem internationalen Wortarsenal ist offenbar
nicht größer als der gleichzeitige Wunsch nach Eindämmung eines uferlosen
Angebots an bislang nicht praktizierten Worten und syntaktischen Verknüpfungsmitteln.
Um auf das hiesige Grenzgebiet zurückzukommen, so mag eine vielzitierte
Wendung wie „Jang, schaß de Gockel aus dem Jardeng“ (bzw. „Jang, schaß die
Poulets von der rue, dohinne kommt e voiture.“) für die einen ein amüsant-befreiendes
Ausreizen sprachlicher Varianten darstellen. Für andere gilt es als unerträgliche
bzw. unästhetische verbale Libertinage. Ich kann oder will diesen
Streit nicht entscheiden, sondern stattdessen auf moderne Formen literarischer
Reaktion verweisen, in denen die manche befremdenden Sprachmischungen der
Grenze zweifelsfrei poetisch fruchtbar gemacht wurden. Dies geschah oder geschieht
durch bewußte Setzung, durch Auswahl verschiedener Sprachen bzw.
Dialekte nach Maßgabe ihrer jeweiligen emotionalen Nuance. Für das Elsaß31
z.B., in dem die dichterische Triphonie geradezu zum literarischen Programm
wurde, seien stellvertretend Autoren wie André Weckmann oder Adrien Finck
genannt mit Beispielen wie den folgenden. Zunächst eine Hommage von Finck
an den in Straßburg geborenen Dadaisten Hans Arp:
29 Dill: Saar, S. 52.
30 Jacques: „Luxemburger“, S. 17. Allerdings ist hier politische Anpassung im Spiel. In
einem Beitrag zehn Jahre zuvor hatte er entschieden verständnisvoller geurteilt: Jacques:
.Leben“.
31 Für Lothringen vgl. z.B. Kieffer: Wierter; exemplarisch S. 15: „Gedicht for welschisierten
Lorrains“.
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