mit den Brunnen in der Sommernacht Zuflucht zu finden. Man wird nicht
Europäer aus Wahl, man wird es aus Not.“28
Wir wissen, daß ein nicht entspanntes deutsch-französisches Verhältnis und ein
weiterer Krieg selbst solche Orientierung zunächst einmal zuschanden machten
und es Jahrzehnte dauerte, bis wir wenigstens den heutigen Stand kultureller
Gemeinschaft erreicht haben. Aber indem wir den Schwarzen Peter, die
Chancen einer friedlichen Verschmelzung blockiert zu haben, gewiß nicht zu
Unrecht der Politik Zuspielen, sollten wir wissen, daß dies nur eine Teilwahrheit
darstellt. Sonst müßte ein Nachlassen administrativen Zwangs ja
geradezu automatisch einen mächtigen Sog in Richtung einer Kultursynthese
auslösen, was man jedoch allenfalls für bestimmte Bereiche der Finanz- und
Wirtschaftskooperation oder der Unterhaltungsbranche sagen kann. Es scheinen
also auch Widerstände viel grundsätzlicherer Art im Spiel zu sein, und diese
lassen sich in der Tat ermitteln. Denn ein Kulturangebot, das Alternativen enthält,
muß schließlich nicht immer, nicht zwangsläufig oder von allen als
Bereicherung bzw. Vervielfältigung von Möglichkeiten aufgefaßt werden.
Jedes neu eingeführte Wort oder Buch, jedes neue Spiel, Gericht oder Lied, jeder
neue Brauch, jede neue Überzeugung oder Tendenz erweitert zwar die
Palette unserer Möglichkeiten, Fähigkeiten oder Einsichten. Doch zugleich ist
damit (zumindest in der Praxis und in der Mehrheit der Fälle) auch ein Verlust
zu beklagen. Etwas Früheres wird abgetan, verdrängt, in der öffentlichen
Anerkennung zurückgesetzt, und sei es dadurch, daß die Zeit respektive
Aufmerksamkeit, die dafür früher zur Verfügung stand, nun knapper wird.
Kulturinnovation oder -transfer, so sanft es sich ausnehmen mag, trägt den
Charakter eines Konkurrenzkampfs. Dies wiederum kann die unterlegenen
Produzenten oder Rezipienten von Werken, Meinungen oder Haltungen nicht
gleichgültig lassen, zumal auch die geistige Grundorientierung davon abhängt.
Ob ich sie z.B. im Straßburger Münster oder der Marseillaise finde, in der
Moderne oder der Tradition, im (römischen) Katholizismus, (preußischen)
Protestantismus oder (französischen) Laizismus ist nur für wahrhaft kosmopolitische
und zum Teil auch indifferente Geister ohne weiteres vereinbar, vermischbar,
prinzipiell gleichrangig bzw. austauschbar. Für die Mehrheit entstehen
- selbst bei den scheinbar unpolitischsten Kulturimporten - mit einer gewissen
Zwangsläufigkeit hemmende Kräfte, deren Wirksamkeit sich im
Rahmen nationalbornierter Abschottung noch besonders steigern läßt, ohne daß
sie ganz darin aufgehen müssen.
Es geht schließlich bei einem Teil der Abgrenzung vom bisher nicht zugelassenen
Fremden auch um Selbstvergewisserung und Identifizierung. Hinzu kommen
gerade für Schriftsteller auch ästhetische Eindrücke. Wenn in einem
Roman Liesbet Dills sich z.B. ein Zentralfranzose über das ihm unsympathische
28 Flake, Otto: „Abschied vom Elsaß“ (1919), in: ders,: Leben, S. 178.
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