Deutschland, die in Deutschland selbst sitzen und, wie es, die Seelen zu
revolutionieren bereit sind. Das wird Elsässertum heißen können.
Deutschland die moderne Freiheit zu geben.
Nach Generationen werden die Elsässer vielleicht die um Deutschland
Verdientesten sein. Da sie nicht wie die übrigen deutschen Stämme unter
der Starrheit der militärischen und politischen Einrichtungen gebannt sind,
werden sie zuerst den Kampf dagegen beginnen können. Sie brauchen sich
nicht erst von der Steifheit des gesellschaftlichen Lebens frei zu machen;
sie sind seine geborenen Kritiker. Sie sind nicht durch die Dünste eines
sinnlosen und barbarischen Patriotismus verwirrt: sie werden der
Menschlichkeit von morgen dienen, wie sie auch den Frieden zwischen
Frankreich und Deutschland herbeiführen werden - das Zugeständnis wird
der Fall des deutschen Militarismus sein. Das vollkommenste Vorbild der
Verschmelzung werden sie aber selbst sein: denn die elsässische
Avantgarde wird aus Enkeln von Altelsässem und Altdeutschen gleichmäßig
bestehen.“27
Im Zuge des Ersten Weltkriegs wurde Flakes Grenzutopie zerschlagen, er selbst
zum Abschied von einem Land gezwungen, das er als Jugendlicher liebgewonnen
hatte. Die Rückschau von 1919 galt dem verlorenen Traum:
„Was war die Synthese des Geistes des Metzer Doms, in dessen gelben
Schatten ich geboren war, mit dem des Unterlindenklosters zu Colmar, in
dessen Nonnengängen ich aufgewachsen war? Eine Konstruktion, ein
Ausweg eines, der in Deutschland nicht ganz zu Haus, in Paris nur zu Gast
war, im Elsaß, seinen vertrautesten Städtchen und Bauernhöfen nicht die
letzte Gemeinschaft fand, die drüben im Schwarzwald und in Schwaben
meinesgleichen, die alemannischen Dichter, ganz besaßen.
Und als ich diesmal nach dem Elsaß kam, im Krieg, sah ich mit Entsetzen,
wie rettungslos verdorben, tragisch zerstampft die Situation war: es
schwiegen die Münder vor der Drohung der militärischen Herren, die
Herzen hofften, doch ohne Mut; die beiden Elemente, von deren
Verschmelzung ich geträumt hatte, Einwanderer und Autochthonen,
schroff getrennt - unmöglich, daß der Elsässer zu den Quellen fand, die in
ihm verschüttet waren und die nur in den falschen Büchern von
Oberlehrern künstlich sprangen, den Quellen jener vergangenen Jahrhunderte,
in denen in der Tat Elsässer die Züge deutscher Charakterköpfe
getragen hatten.
An diesem Mittag nahm ich Abschied vom Land. Was blieb, wenn man
sich retten wollte? Nicht Frankreich, nicht Deutschland, nur das Dritte, das
übergeordnete geistige Reich, dem selbst der letzte Rest von Bodenständigkeit
versagt war. In meiner Tasche steckte ein Bändchen von Hesse,
eines von Emil Strauß, beide Alemannen gleich mir. Ich hatte gegen sie
polemisiert, als mir noch unklar war, daß ich nur deshalb nicht Elsässer
bleiben wollte, weil ich es nicht konnte, aber ich liebte sie, und jetzt
gestand ich mir den Neid darauf, daß ihnen erlaubt war, in ihren Städtchen
27 Flake, Otto: „Elsässertum“ (1910), in: ders.: Leben, S. 153f.
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