Bei einem solchen Zusammengehen von Deutschland und Frankreich käme
das politische Schwergewicht Deutschlands nach dem Westen, wieder wie
im früheren Mittelalter. Die Versuchung dazu läge nahe, nachdem die beiden
Oststaaten, Österreich und Preußen, in der Führung versagt haben. Es
gäbe dann zugleich mit dem politischen und wirtschaftlichen ein geistiges
Zusammenfluten der beiden Länder. Dieses hat freilich nie aufgehört, es
hat auch in Zeiten größter politischer Gegnerschaft bestanden. Aber seit
der Renaissance war alles, was sie sich gaben, irgendwie gefälscht.
Jedesmal, wenn der eine vom anderen eine geistige Bewegung annahm, so
wurde er dadurch erniedrigt. So verlor Deutschland durch die französische
Klassik, und Frankreich wurde geringer durch die Übernahme der
Romantik. Erst wenn wieder ein gesamtes Zusammensein, eine Katholizität
des europäischen Daseins da wäre, würde auch das geistige Leben
einen gemeinsamen Boden haben, wie in der Gotik, die wohl auch die
größte Zeit des Elsaß war. Es würden dann nicht mehr in keck überreizten
Spielen Deutschland und Frankreich vermischt, sondern das Geben ginge
von einem Land zum anderen, auf natürliche Weise hinüberwachsend.
Und Europa würde also am Ende da stehen, wo es am Anfang war: im
Zustand der Gemeinschaft.“26
Auch Otto Flake, der in Colmar aufwuchs, sah zunächst große Chancen und
Hoffnungen für ein Gebiet, das im Kreuzfeuer unterschiedlicher nationaler
Ansprüche und Einflüsse lag. Von dieser besonderen Erfahrung und Bevölkerungsmischung,
die kritisch, skeptisch, ideologisch weniger anfällig mache,
versprach er sich bedeutsame reformerische Impulse. Im durch Mischung veredelten
Elsässer schlummere der künftige Kämpfertypus einer demokratischen
Freiheitsbewegung, die ganz Deutschland entbürokratisieren, entmilitarisieren
und sozialpsychologisch entkrampfen werde:
„Die Aufpfropfung des deutschen Zweiges auf den elsässischen Stamm
wird die Blüte delikater, schillernder, reicher machen: nun ist das
Einstürmen deutscher Ideen Schuld daran, daß wieder jene Variation und
Mannigfaltigkeit erreicht wird. Aus dem Zwang, ein Grenzland zu sein,
macht das Elsaß den Vorzug; das ist der Ausweg, die Hoffnung, die
Zukunft.
Klingt das paradox? Selbst wenn man die Verhältnisse nicht kennt, wird
man es für wahrscheinlich halten, daß ein Land, das vierzig Jahre lang
passiv blieb, aber zäh an seinen Rechten festhielt, in dem Augenblick einer
Regeneration entgegengeht, in dem es sich entschließt, diese passive Rolle
aufzugeben, aktiv zu werden, sich zu rühren, zu wachsen. Das Elsaß hat
heute von allen deutschen Provinzen die größte und nächste Zukunft.
Noch mehr, es wird nicht nur sich sein Recht erkämpfen, sondern
Deutschland selbst einen Dienst erweisen: es kann der politischen Bewegung
des freiheitlichen Deutschland Soldaten und Führer stellen und damit
zugleich auch den kulturellen Fortschritt Deutschlands herbeiführen
helfen, der im wesentlichen ein Kampf gegen alle absoluten Begriffe im
Beamtentum, im Heer, in der Gesellschaft, im täglichen Leben ist. Es
verbünde sich, politisch wie geistig, mit den Gegnern des heutigen
26 Ebd., S. 357f.
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