Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

veröffentlichten  Romans  Feldwache  der  Liehe.23  Darüber  hinaus  wird  als
Begegnungsstätte  -  wie  ernsthaft  auch  immer  -  ein  Grenzlandtheater  angeregt
zur  gemeinsamen  Besinnung  auf  die  abendländische  Kultur:
,„In  einem  großen,  wunderschönen  Grenztheater  werden  die  besten  Stücke
gespielt,  die  die  beiden  Völker  hervorgebracht  haben  und  von  den  besten
Schauspielern;  meinen  Sie  nicht,  daß  ihnen  da  aufgehen  könnte,  was  sie
eigentlich  sind  und  wie  sie  sich  gegenseitig  froh  machen  könnten.  Und
können  Sie  sich  nicht  vorstellen:  da  ist  einmal  eine  ganz  große  Vorstellung
mit  ganz  berühmten  Schauspielern,  und  niemand  weiß  genau,  was  an
Gästen  da  ist,  aber  auf  einmal  in  der  Pause,  da  begegnen  sich  deutsche  und
französische  Minister  und  reden  erst  über  das  Stück  und  über  die  Spieler
und  das  Theater,  dann  aber  über  das  große  Welttheater.  Meinen  sie  nicht,
daß  sie  da  manchmal  eher  fertig  werden,  als  wenn  sie  an  ihren  grünen
Tischen  sitzen.'  [...]
Und  da  fällt  mir  überhaupt  noch  etwas  Großartiges  ein.  Wenn  die
Menschen  so  von  weither  zu  dem  Theater  kommen,  werden  sie  ja  auch
Hunger  haben  und  müssen  geatzt  und  gelabt  werden,  und  wenn  dann  die
Pariser  mit  Behagen  Münchener  Bier  trinken  und  Sauerkraut  mit  Knödeln
essen,  die  Berliner  hingegen  erst  noch  ein  bißchen  zaghaft,  dann  aber  immer
  vergnügter  ein  Dutzend  Weinbergschnecken  vertilgen  und  einen  ordentlichen
  weißen  Burgunderwein  dazu  trinken,  meinen  sie  nicht,  daß  sie
sich  nachher  lieber  haben  werden  als  vorher?“'24
Der  in  Mühlhausen  geborene  Ferdinand  Lion  propagierte  in  einem  Essay  von
1921  als  Lösung  des  deutsch-französischen  Grenzstreits  eine  „Katholizität  des
europäischen  Daseins“.25  Das  Elsaß,  so  seine  Hoffnung,  könnte  in  dem,  was
bereits  durch  praktiziertes  Zusammenleben  erreicht  sei,  auf  organische  Weise
dazu  beitragen,  deutsch-französische  Gegensätze  zu  neutralisieren.  Denn  sein
Wesen  laufe  ohnehin  auf  nationale  Verschmelzung  hinaus:
„Vermischte  von  Deutschland  und  Frankreich  in  Wesen  und  Sprache,  fänden
  ihr  Sein  endlich  anerkannt,  es  wäre  nicht  mehr  lächerlich,  es  brauchte
nicht  mehr  sich  fast  zu  schämen  und  zu  verstecken.  Denn  überall  wäre  nur
noch  ein  Widerspiel  des  elsässischen  Seins:  Vermischung  von  Deutschland
und  Frankreich.  Dadurch,  daß  das  Verhältnis  der  beiden  Großstaaten  neutralisiert
  wäre,  wäre  die  Neutralität  des  Elsaß  zugleich  da,  nicht  auf  offene
und  daher  doch  irgendwie  herausfordernde  Weise,  sondern  sanfter,  in  den
Dingen  selbst.  Denn  der  politische  Besitzer  des  Elsaß  würde  es  dann  nicht
mehr  mit  Sprachgesetzen,  Verfolgungen  seiner  Eigenart  quälen,  sondern
sich  im  Gegenteil  daran  freuen,  daß  das  Bündnis  und  die  Einigung  mit
dem  anderen  Großstaat  im  elsässischen  Sein  gleichsam  leiblich  in
Erscheinung  tritt.  Es  wäre  die  Erhöhung  des  Elsaß,  die  Verelsässerung  von
Europa.

22  Kirschweng:  Feldwache,  S.  338.
24  Ebd.,S.  339-341.
25  Lion:  „Elsaß“,  S.  358.
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