Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Selbstverständliches,  etwas  zum  Dasein  Notwendiges  und  erfreuen  sich  mit
abgeklärter  Ästhetik  der  Liebe  und  ihrer  Freuden.“21
Noch  im  Rückblick  des  Jahres  1933  schwingt  in  Hermann  Wendeis  Elegie  auf
die  verlorene  Heimat  Lothringen  echte  dankbare  Begeisterung  darüber  mit,  in
der  Jugend  kulturelle  Alternativen  besessen  und  eine  geistig-kulinarische
Mischexistenz  geführt  zu  haben:
„Zweier  Kulturen  Luft  atmeten  wir,  nahmen  gleich  Teil  an  der  Entwicklung
  des  deutschen  und  des  französischen  Geistes,  und  das  war
wonnesam;  wir  trugen  Liliencron  in  der  einen  und  Baudelaire  in  der  andern
  Tasche,  liefen  in  den  ,Tell‘  mit  Matkowsky  und  in  den  ,Cyrano4  mit
Coquelin,  und  das  beflügelte  uns!  Welches  Tosen  damals  unter  einem  begnadeten
  Himmelsstrich,  da  sich  einstens  Meister  Rabelais  als  Stadtmedicus
  von  Metz  mit  Halli  und  Hallo  den  Wanst  vollgeschlagen  und
Meister  Villon,  seiner  dicken  Margot  froh  und  des  Galgens  nur  zu  gewiss,
Mirabellen  von  fremden  Bäumen  geschüttelt  hatte!  Wie  viel  losgebundene
Fahrten  ins  ganz  Unnütze  hinein  -  einer  drallen  Bauernkirchweih  entgegen,
  zu  deren  Gedudel  regenbogenfarbene  Plakate  an  allen  Mauern  lockten,
  oder  einem  alten  Volkslied  nach,  das,  sich  untergefasst  haltend,
Mädchen  im  Häubchen  auf  der  Dorfstrasse  sangen:
En  passant  par  la  Lorraine
Avec  mes  sabots,
J’ai  trouvé  trois  capitaines
Avec  mes  sabots.  Dondaine.
Ah!  Ah!  Ah!  Avec  mes  sabots.
Was  für  Schwelgereien  in  entlegenen,  auf  gut  Glück  gefundenen  Flecken:
Schnecken  als  Vortrab,  würziger  Hasenpfeffer,  zutrauliche  Pilze,  zartest
geröstete  Ochsenschnitten,  knusprige  Pommes  Frites,  sanfte  Hammelkoteletts,
  Erdbeeren  von  Woippy  und  Briekäse  als  Nachtrab!  Welch  eine
Garde  wehrte  aller  Verzagtheit  und  Schwermut  den  Eintritt  -  Hut  ab,  denn
ich  nenne  sie  bei  Namen:  der  geruhige  Pagny,  der  erdige  Scy,  der  kernige
Thiaucourt,  der  muntere  Lorry-Mardigny,  der  spritzige  Salivai,  der
leichtsinnige  Lessy  gris,  der  schalkhafte  Uezon  gris!  [...]  Und  wie  erst,  als
wir  in  dem  verwitterten  Bischofsstädtchen,  unter  dem  Schutz  des  Heiligen
Christoph,  im  Qualm  der  Choquinpfeifen  die  Akademie  zu  Vic  gründeten
und  Johann  Christian  Günther,  cand.  med.  aus  Striegau  und  Jules  Vallès,
Literat  aus  Le  Velay,  flugs  als  ordentliche  Mitglieder  in  die  Liste
eintrugen!“22
Was  hier  im  Nachhinein  zur  Idylle  wird,  einer  verlorenen  wohlgemerkt,  haben
andere  als  Vision  erträumt.  Der  in  Wadgassen  lebende  Johannes  Kirschweng
z.B.,  Schriftsteller  und  Kaplan,  empfahl  als  Bindemittel  im  Grenzraum  regional
besonders  gepflegte  Traditionen  wie  den  im  Saarland  und  in  Lothringen  gemeinsam
  verbreiteten  Oranna-Kult.  Der  könne  durch  eine  Friedenskirche  mitten
  auf  der  Grenze  weiter  vertieft  werden,  lautet  ein  Vorschlag  seines  1936

21  Dill:  Brieftasche,  S.  26-28.
22  Wendel:  „Elegie“,  S.  201-203.

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