Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

abgegeben  haben.  Ein  seelischer  Partikularismus,  dessen  Besitz  Überlegenheit
  und  Reichtum  bedeutet,  und  den  in  gültigen  Werken  zu  dokumentieren,
  die  Aufgabe  der  neuen  elsässischen  Literatur  sein  muß.  Von
hier  aus  wird  sich  die  Möglichkeit  einer  aktiven  Beeinflussung  der  deutschen
  Literatur  durch  den  elsässischen  Geist  ergeben,  einer  Bereicherung,
Auffrischung,  Befruchtung  durch  Zuführung  neuen  Blutes.  Und  dies  erscheint
  dem  Dichter  Schickele  als  die  kulturelle  Mission  des  Elsasses  innerhalb
  Deutschlands,  gleichwie  später  der  Politiker  in  der  Demokratisierung
  des  Reiches  die  Aufgabe  gefunden  hat,  die  in  langsamem
Ringen  die  politische  Anstrengung  des  Elsaß  zu  erfüllen  haben  wird.“19
Auch  Schickeies  Erzählwerk  spiegelt  die  Doppelkultur  geistiger  Grenzgänger,
vom  Romanerstling  Der  Fremde  (1909)  bis  zur  Elsaß-Trilogie  Das  Erbe  am
Rhein  (1925-1931).  So  konnte  man  z.B.  auch  bei  seinem  1911  erschienenen
Roman  Meine  Freundin  Lo  dem  Autor  einen  bedeutenden  „gallischen  Einschlag“
  attestieren,  insbesondere  „in  der  sinnlichen  Unbefangenheit  der  Heldin
und  der  natürlichen  Grazie  ihrer  Liebesauffassung“.20  Ähnliche  Tendenzen
bzw.  Einschätzungen  finden  wir  in  Liesbet  Dills  1917  erschienenem  Roman
Die  Brieftasche.  Darin  äußert  sich  z.B.  eine  deutsche  Lothringerin  wie  folgt
über  ihre  Region:
„Ich  bin  gern  hier.  [...]  die  weiche,  ungleiche  Luft  der  Grenze  steckt  an.
Ich  liebe  Deutschland,  wie  man  eine  Mutter  liebt.  Wenn  ich  landesverwiesen
  würde,  würde  ein  ewiges  Heimweh  mich  verzehren;  aber  beim  Klang
der  französischen  Sprache  fühle  ich  ein  unbezwingliches  Verlangen  in  mir,
die  blauen  Berge,  die  ich  an  klaren  Tagen  von  meinem  Fenster  aus
erblicke,  zu  überwinden.  [...]  Ich  kann  das  eine  wie  das  andere  Land  nicht
entbehren.  Und  beide  sind  meine  Heimat.  [...]  Sobald  ich  Frankreichs
Boden  betrete,  sinkt  etwas  von  mir  ab,  das  sich  sonst  wie  Schleier  um
meine  Gefühle  lagert.  Diese  freifühlenden  Gallier  haben  eine  angenehme
Art,  das  Leben  epikuräisch  zu  genießen  und  eine  sexuell  menschliche
Anschauung  der  psychologischen  Geschehnisse.  Der  Kult  der  weiblichen
Äußerlichkeiten  der  Linien  und  Formen  ist  groß,  aber  sie  denken  nicht
daran,  viel  Aufhebens  davon  zu  machen.  Sie  nehmen  es  als  etwas

19  Stadler,  Emst:  „René  Schickele“  (1912),  in:  Stadler:  Dichtungen,  S.  280.  Vgl.  Göll,  Iwan:
„René  Schickeies  Vortragsabend“,  in:  Neue  Zürcher  Zeitung  1.3.1918,  zit.  nach  Finck:
Schickele,  S.  105f:  „Man  darf  nicht  vergessen,  woher  Schickele  kommt.  Er  ist  Elsässer:
mitten  im  Kampf  zwischen  den  zwei  Weltanschauungen,  um  deretwillen  heute  die  Erde
blutet,  hat  er  sich  durchringen  müssen  zur  alleinigen  Wahrheit  der  Verbrüderung  und
wurde  schon  vor  zehn  Jahren  vorahnend  zum  Vertreter  der  neuen  Idee.  Er  mußte,  um  mit
sich  selber  ins  Reine  zu  kommen,  Feuer  und  Wasser,  das  gallische  und  das  germanische
Element  in  der  Welt  zusammenbringen,  und  bei  dieser  Arbeit  kam  er  ganz  von  selbst  [...]
zum  Weltbürgertum.  [...]  Zwei  Zivilisationen  gären  in  ihm,  beide  Halbkugeln  will  er
umarmen.  Immerfort  braust  der  Expreßzug  seines  Lebens  auf  der  Strecke  Berlin-Straßburg-Paris
  hin  und  her.  Nirgends  wird  ihm  Ruhe,  Befreiung,  Läuterung.  Aber  sein
Zentrum  und  Schwerpunkt  liegt  im  Elsaß.“
20  Stadler:  Dichtungen,  S.  293.

338
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.