staatlicher Homogenität zu zwängen. Seine Argumentation war vorwiegend defensiv
ausgerichtet. Der Wunsch nach Schonung stand im Zentrum. Zur Vision
eines östlichen Vielvölkermodells mit Vorbildcharakter für andere fehlte
meist16 die Kraft respektive ein wenig zeitentfliehende Naivität.
Viel selbstbewußter und hoffnungsfroher wirken dagegen (zumindest phasenweise)
Autoren an Deutschlands Westgrenze, die etwa zur gleichen Zeit einer
durch die Zwischenlage gebotenen Kultursynthese das Wort redeten. Dies gilt
in erster Linie für den großen Europäer René Schickele. Von seinen ersten
publizistischen Anfängen an verfocht er als „mission Alsacienne“ die humanitäre
Idee weltbürgerlicher Vermittlung auf der Basis einer deutsch-französischen
„double culture“, die eher kräftige als schwäche:17
„Bruderherzen, eines Tages werden auch wir eine Nation sein, diesseits -
jenseits des Rheins, im Norden, im Süden, eine Nation, die ein Wille auf
den zerstreuten Pfaden des einen Weges vielartig lenkt, und das Elsaß wird
der symbolische Garten unserer Temperamente sein. Wie Goethe, Wagner,
Nietzsche, Rodin uns gehören. Viele andre noch. ,Elsässer‘ wird ein
Charakteristikum, ein psychologischer Begriff für die Wesensart aller
geistigen Kinder werden, die gallisches und deutsches Blut nährt. Rein
geistig gedacht.“18
In dieser Haltung gab Schickele dem Begriff des „geistigen Elsässertums“
Gewicht und Kontur. Er hat ihn sein Leben lang stets aufs neue erläutert bzw.
weiterentwickelt. Schließlich sah er darin seine ganz spezifische literarische wie
gesellschaftliche und politische Aufgabe. Emst Stadler als Gesinnungsgenosse
hat diese Leistung Schickeies explizit durch die Feststellung gewürdigt:
„In Aufsätzen, die Schickele (der als Herausgeber zeichnete) für den
,Stürmer4 schrieb, ist zum ersten Mal jener Begriff des ,geistigen
Elsässertums* aufgestellt, der später noch häufig wiederkehren wird und
der für Schickeies Entwicklung so wertvoll geworden ist. Elsässertum, das
ist nicht irgend eine mehr oder weniger belanglose geographische
Einreihung. Es ist das ,Bewußtsein einer Tradition, einer kulturellen
Aufgabe, die man gerade bei uns hat verstehen lernen, wo man eine
Zeitlang entwurzelt herumschwamm auf fremden Strömungen, bis die alten
Wurzeln in den neuen Boden schlugen.* Elsässertum ist nicht etwas
Rückständiges, landschaftlich Beschränktes, nicht Verengung des Horizontes,
Provinzialismus, ,Heimatkunst4, sondern eine ganz bestimmte und
sehr fortgeschrittene seelische Haltung, ein fester Kulturbesitz, an den
romanische sowohl wie germanische Tradition wertvollste Bestandteile
16 Als Ausnahme vielleicht eine Passage in: Scholtis: Baba, S. 221f.
17 Vgl. zu Schickeies Elsaßkonzepten die bedeutsame Studie von Adrien Finck: Schickele,
bes. S. 29-31, 53-55, 59-61, 66-69, 73-77, 89-93, 99-103, 116f, 130-135, 150-157, 166-177,
193f; zur bilingualen Doppelkultur des Elsaß’ vor Schickele vgl. S. 28.
18 Schickele, René: „Jungelsässisches Programm“, in: Das neue Magazin, 26.11.1904, zit.
nach: Finck: Schickele, S, 55.
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