gleichen sein Verständnis für Herumtreiber und Außenseiter und seine scharfe
Kritik an einer völkisch-selbstherrlichen Lagebeurteilung. Zu Recht zogen seine
Romane denn auch die Kritik der SS-Zeitschrift Die Weltliteratur auf sich, wo
ihm und Horst Lange vorgeworfen wurde, „Zerrbilder aus Schlesien“ produziert
zu haben. Der Rezensent Eberhard Ter-Nedden schrieb 1941, Scholtis’
sittliche und politische Haltung seien untragbar. Ihm fehle jegliches Blut- und
Rassebewußtsein bei seiner schriftstellerischen Arbeit; so könne man die geistige
Ostmission nicht angehen.9 * Scholtis’ Antwort auf solche Vorwürfe, deren
Extrakt in einer Rezension in der Neuen Literatur wiederholt wurde, bestand in
trotzigen Schreiben an die jeweiligen Herausgeber, die in der Geschichte der
NS-Publizistik ihresgleichen suchen. Eine Kempassage lautet:
„[...] die deutsche Nation wird mir bestätigen, daß ich meine Pflicht getan
habe, umsomehr als ich nur eine minderwertige preußische Volksschule
besuchen durfte, wo mich verantwortungslose Schulmeister während der
Deutschstunde ihre Hühner nach Eiern befühlen ließen und zum
Kuhkalben verwendeten. Die Nation wird ein stilles Lächeln haben für
diese skandalösen Zustände, die ich Euch längst verziehen habe. Ich habe
einen deutschen Namen und spreche wie meine Familie und unsere
Grenzlandsippen einen slavischen Idiom. Herr Ter-Nedden versteht davon
nichts und soll lieber seine Finger in den Arsch stecken und nicht in die
östliche Mission unseres Volkes.“111
Fassen wir kurz zusammen, aus welchen Elementen sich für Scholtis die schlesische
Kultur- und Mentalitätsmischung hauptsächlich speiste. Von polnischer
Seite nannte er vor allem einen intensiv gelebten Katholizismus, dessen enge
Verbindung zur nationalen Unabhängigkeitsbewegung dem Autor allerdings
stets suspekt blieb. Auch der verbreitete und für Scholtis selbst kennzeichnende
Hang zum Mystischen,11 * zu Gespensterfurcht und -faszination leitete er aus
polnischer Herkunft ab. In seinen Werken kommt diese Neigung bei allem sozialkritischen
Pragmatismus immer wieder zu plastischem Ausdruck: so z.B. als
Volksseele Mora im Ostwind (S. 92), als Tschamutschka, „Gespenst der
menschlichen Gefräßigkeit“ in Baba (S. 165), oder im Eisenwerk12 verschiedene
Lokalgeister von Boloto, die man laut Volksmeinung gegebenenfalls anderen
auf den Hals hetzen konnte.
Preußentum wurde über den Protestantismus vermittelt, dazu über allgemein
propagierte Kaisertreue und bürokratisch eingebleutes Obrigkeitsdenken.13
Doch der deutsche Einfluß äußerte sich in Scholtis’ Erinnerung auch in Form
von Technik, Industrie und den ins Reich wandernden Maurern, die auf diese
9 Ter-Nedden: .Zerrbilder", S. 82.
111 Vesper: „Meinung“, S. 165.
11 Scholtis: Bolatitz, S. 67.
13 Scholtis: Eisenwerk, S. 264, 268.
13 Scholtis: Bolatitz, S. 76f.
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