Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Darüber  hinaus  mancherlei  Rittergüter  preußischen  Offizieren,  österreichischen
  Reichsgrafen,  [...]  dem  ,Deutschen  Ritterorden1.“2
Die  leidvollen  Probleme,  die  sich  aus  einem  solchen  politisch-sozialen  Milieu
ergaben,  boten  dem  Autor  denn  auch  das  Hauptthema  seiner  schriftstellerischen
Tätigkeit.  Ein  rundes  Dutzend  von  Romanen,  Dramen  oder  Erzählungsbänden
handelt  davon,  darunter  Glanzstücke  der  modernen  deutschen  Literatur  wie
Ostwind  oder  Baba  und  ihre  Kinder.  Hinzu  kommen  hellsichtige  wie  zukunftsweisende
  Stellungnahmen  zur  Grenzproblematik,  z.B.  in  der  Autobiographie
Ein  Herr  aus  Bolatitz  oder  dem  Bericht  Reise  nach  Polen.  Daß  Scholtis
gleichwohl  im  Bewußtsein  heutiger  Germanisten  nur  ein  Schattendasein  führt
(meist  unter  der  abschätzig  gemeinten  Rubrizierung  „Regionalliteratur“)3 4,
hängt  vor  allem  damit  zusammen,  daß  die  Zunft  der  Kritiker  und  Literarhistoriker
  mehrheitlich  im  Mainstream  ganz  anderer  Stoffe  und  Gesinnungen
schwimmt.  Doch  ein  derartiges  Schriftstellerschicksal  teilt  der  Autor  mit  gut
einem  halben  Hundert  seiner  Kollegen.  Und  dies  ist  gewiß  ein  anderes  Thema.
Sucht  man  in  Scholtis’  Schriften  der  30er  bis  60er  Jahre  nach  einem  gemeinsamen
  Nenner,  so  findet  sich  der  in  der  Aufforderung,  den  kulturellen  Mischcharakter
  eines  Grenzgebiets  ohne  Vorbehalte  zur  Kenntnis  zu  nehmen.  Man
bekämpfe  diese  nun  mal  gegebenen  Eigenheiten  nicht,  suche  sie  nicht  nationalstaatlich
  einzuebnen,  sondern  akzeptiere  sie  als  gegenseitige  Befruchtungen,
  lautet  sein  immer  aufs  neue  verkündete  Credo.  So  räsonierte  er  z.B.  in
seiner  Autobiographie  über  die  „partikulare  Kulturgemeinsamkeit  von  Eichendorff,
  Bezruc  und  Janäcek“,  die  zum  Nachdenken  darüber  anrege,  „wie
abwegig  es  bleibt,  in  sprachlichen  Mischgebieten  Kultur  mit  Politik  zu  koppelnd


„Eichendorff  hörte  zwar  das  Gebälk  in  den  Schlössern  schon  deutlich  knistern,
  für  die  Spannung  der  Nationalitäten  aber  hatte  er  noch  kein  Organ.
Im  damaligen  Österreich  verheirateten  sich  sprichwörtlich  die  Gegensätze,
eine  kluge  Empfehlung,  die  der  preußische  Patriot  Gustav  Freytag  auch
dem  preußischen  Norden  Schlesiens  predigte.  Petr  Bezruc  hatte  eine  deutsche
  Mutter,  Leos  Janäcek  eine  deutsche  Frau,  Gustav  Freytag  einen  pol¬2

  Ebd.,  S.  28f.
3  Ins  Positive  gewendet  und  sachlich  modifiziert  bei  dem  vielleicht  besten  Kenner  von
Scholtis:  Joachim  J.  Scholz  (in:  Scholtis:  Erzählungen,  S.  41):  „Soll  Scholtis  seinen
zugegebenermaßen  bescheidenen  Platz  in  der  deutschen  Literatur  auch  in  Zukunft
behaupten,  so  kann  das  nur  geschehen,  wenn  er  als  ein  sicherlich  eigenwilliger,
gleichzeitig  aber  auch  als  ein  nicht  untypischer  Vertreter  all  der  kuriosen  Rand-  und
Mischkulturen  erkannt  wird,  die  im  Europa  nationaler  Nivellierungen  zwar  immer  wieder
für  tot  erklärt  wurden,  die  aber  all  solchen  Voraussagen  zum  Trotz  an  immer  neuen
Rändern  und  in  immer  neuen  Mischungen  ihren  robusten  Überlebenswillen
manifestieren.“
4  Scholtis:  Bolatitz,  S.  36.

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