Full text: Grenzkultur - Mischkultur?

Die Trennung von Politik und Sitten erlaubt eine Politik allmählicher 
Hybridisierung und Grenzüberschreitung, erlaubt die tendenzielle Trennung 
von civilitas und polis. Generell muß man wohl, für Schottland zumindest, von 
einfachen Gedanken des homogen Nationalen im Kontext des 18. Jahrhunderts 
Abschied nehmen.13 Daß Schottland in dieser Umbruchszeit gerade nicht eine 
klare nationale Identität bilden konnte, trug wohl zur Weltoffenheit und zum 
hybriden Selbstbild entscheidend bei. Es mag sein, daß das Genre des histori¬ 
schen Romans aus der besonderen Situation der hybriden nationalen Identität 
heraus geboren werden konnte, ist doch das Neue des Genres die Ver- 
schwisterung von Historiographie und Roman, bzw. die Belebung der Daten 
und Fakten durch Sittengemälde. Scott hat der monumentalen, auf Genealogien 
und Trennereignisse bezogenen Geschichtsschreibung damit einen neuen Weg 
gewiesen, hat Sitten und Gebräuche des einfachen Volkes einbezogen und 
damit zugleich den Fokus bei der Konstruktion nationaler Identität verschoben. 
Vielleicht leistete gerade die reale Machtlosigkeit Schottlands dieser neuen Art 
der fiktionalisierten Sozialgeschichtsschreibung Vorschub, zweifellos aber er¬ 
leichterte diese Verschiebung die reale Integration Schottlands - ebenso wie die 
generell pazifistische Botschaft des WflveWey-Romans. 
Es bleibt abzuwarten, ob eine solche progressiv-integrative Interpretation des 
Scottschen Werkes Bestand haben wird in unserer Zeit der devolution, die von 
einer fortschreitenden Desintegration des britischen Weltreichs nach innen, d.h. 
bezogen auf die frühesten Kolonien Schottland und Wales, die heute noch von 
den white settlers sprechen, geprägt ist. Der Guardian meldete am 7.5.1999 zur 
Wiedereröffnung des schottischen Parlaments: 
After an absence of almost 300 years, Scottish democracy has come back 
quietly. In 1707, messengers came on horseback to tell Scots that their 
noblemen had sold their parliament for a pot of gold. In 1999, battle buses 
and megaphones told them it was back. 
Scotts Parteinahme für notwendige Hybridisierungen im Zuge eines generellen 
Modemisierungsprozesses, eines Prozesses sittlicher Verfeinerung und Ver¬ 
bürgerlichung, kann unter solch neuen politischen Vorzeichen auch als 
Opportunismus eines der privilegierten Schicht angehörenden erfolgreichen 
jungen Mannes gedeutet werden, der durch die Union wenig zu verlieren hatte. 
Hybridisierung kann als Anpassung des Schwächeren an den politisch-ökono¬ 
13 Siehe dazu Richard J. Findlay: „Caledonia or North Britain? Scottish Identity in the 
Eighteenth Century“, in: Image and Identity. The Making and Re-making of Scotland 
Through the Ages, Hg. Dauvit Broun, R.J. Findlay und Michael Lynch, Edinburgh: John 
Donald 1998, S. 143-156. Findlay spricht von „the myriad of varieties of Scottishness“: 
„ ... many admired the progress and prosperity of English Constitutionalism. Finally, we 
have to rid ourselves of the modem notion that national identity is by nature a homo¬ 
genous entity“ (S. 144). 
327
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.