Full text: Grenzkultur - Mischkultur?

Jahrhundert weitestgehend unbekannt war. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts er¬ 
schienen zahlreiche Bücher zu diesem Thema. Ja, es wurden gar neue tartans 
erfunden, wie eine Anzeige in einer Edinburger Zeitung aus dem Jahre 1745 
beweist, in der eine Anzahl von tartans angeboten wird mit „the newest 
patterns“. Für den Festzug in Edinburgh im Jahre 1922 mußte jedem clan eine 
passende Robe zugeordnet werden, ob mit oder ohne Zertifikat der Londoner 
Highland Society, wie das Beispiel des McPherson Clans zeigt: 
So Cluny Macpherson, heir to the chief of the discoverer of Ossian, was 
given a tartan from the peg. For him it was now labelled ,Macpherson4, 
but previously, having been sold in bulk to a Mr. Kidd to clothe West 
Indian slaves, it had been labelled ,Kidd‘ and before that it had been 
simply ,No. 155‘.12 
Scott hat Nationalkolorit, nationales Brauchtum und Institutionen vom Bereich 
der Ökonomie und der Politik trennen helfen und hat durch eine solche ten¬ 
denzielle Entpolitisierung schottischer Kultur den Weg für britisches, später für 
europäisches Denken geebnet. Der erste Schritt in die Richtung war gewiß die 
Selbstabschaffung des schottischen Parlaments im Jahre 1707, in der sich be¬ 
reits die untergeordnete Rolle der Nationalpolitik in Schottland manifestiert. 
Die Ästhetisierung der Kultur aber ist ein entscheidender weiterer Schritt, der 
zweifelsohne durch die Romantik begünstigt wurde. An der Grenze zwischen 
Romantik und Aufklärung finden wir den historischen Ort, der beides erlaubt: 
die Hinwendung zum britischen imperialen Weltreich mit all seinen ökonomi¬ 
schen Vorteilen und seiner Rechtssicherheit einerseits, die Pflege eigenständiger 
Tradition andererseits. Common sense als Erbe einer langen Aufklärung, die im 
18. Jahrhundert in Schottland weit ausgeprägter stattfand als in England, er¬ 
laubt das eine, die imaginative Kultur der Romantik erlaubt das andere. Scott 
selbst konnte beides vereinen und leben, aber sein Herz blieb doch immer auf 
Seiten des Imaginativen, Folkloristischen, Ästhetischen und damit Schottlands. 
Trotz aller Realpolitik ist Waverley auch immer eine Elegie, ein Abgesang auf 
eine poetischere, lebensfrohere Zeit, welche zu konstruieren Scott entscheidend 
beitrug. 
Scott ist bei allem Nationalstolz immer zugleich ein Grenzüberschreiter, der 
britische Ökonomie und britische Politik von Scottish manners and customs zu 
trennen weiß. Sein Traditionsbewußtsein ist weniger in Institutionen als in 
Gebräuchen und Sitten verankert - wie er gegen Ende des Romans Waverley 
erklärt, seien die Anhänger des Hauses Stuart so gut wie ausgestorben, 
... and with [them], doubtless, much absurd political prejudice; but also, 
many living examples of singular and disinterested attachment to the 
principles of loyalty which they received from their fathers, and of old 
Scottish faith, hospitality, worth, and honour. (492) 
12 Trevor-Roper: „The Invention of Tradition“, S. 30. 
326
	        

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