Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

werden.  Nostalgie  und  common  sense  erlauben  den  Brückenschlag  zwischen  der
age  of  chivalry  und  der  civil  society.  Brüche  werden  allenfalls  sichtbar  in  dem
Spiel  Georgs  zwischen  theatralischer  Inszenierung  des  Bonnie  Prince  Charlie
einerseits  und  realer  Verkörperung  britischer  Herrschaft,  was  de  facto  nicht  viel
mehr  heißt  als  englischer  Oberhoheit,  andererseits.  Die  Projektion  der  schottischen
  Identität  in  den  politisch  nicht  virulenten  Bereich  folkloristischer
Inszenierung  ist  eine  Leistung  auch  Walter  Scotts,  welche  es  erlaubt,  das
Regionale  und  das  Überregionale  in  Koexistenz  zu  denken  -  heute  das
Schottische,  das  Britische  und  das  Europäische  in  sich  konzentrisch  erweiternden
  Kreisen.  Grenzbestimmung  und  Grenzüberschreitung  können  so  koexistieren
  durch  die  Ästhetisierung  und  tendenzielle  Fiktionalisierung  des  Schottischen
  sowie  durch  die  Trennung  des  Ökonomisch-politischen  Bereichs  von
anderen  Kulturbereichen  wie  Brauchtum,  Folklore,  Jurisdiktion  (Scott  war
Jurist  und  viele  begabte  Schotten  wandten  sich  diesem  noch  originär  schottischen
  Bereich  zu)  oder  Kirche.  Während  Scott  also  einerseits  die  Hochlandwelt
durch  historiographische  Faktizität  und  durch  Kritik  an  Waverleys  ausschweifender
  Phantasie  entromantisieren  will  (was  die  meisten  Leser  übersahen),  wirft
er  zugleich  über  die  politische  Welt  einen  romanzenhaften  Glanz.
Es  ist  in  diesem  Kontext  auch  für  das  18.  Jahrhundert  generell  von  einer
Neuerfindung  Schottlands  im  Hochlandkostüm  gesprochen  worden,  werden
doch  erst  im  Gegenzug  zum  englischen  Versuch  der  Ausrottung  schottischer
Bräuche  nach  1745  die  Gesellschaften  zur  schottischen  Kulturpflege  in  London
(,Highland  Society,  1778)  und  Edinburgh  (Celtic  Highland  Society,  1820)  gegründet,
  wird  doch  erst  im  18.  Jahrhundert  manches  an  vorgeblich  ehernen  nationalen
  Bräuchen  konsolidiert.  So  wurde  der  kilt,  wurden  die  tartans  erst  im
18.  Jahrhundert  weit  verbreitet  und  zum  Teil  auch  neu  erfunden,  gerade  zu  dem
Zeitpunkt,  als  weite  Bevölkerungsschichten  sich  vom  traditionellen  Vorgänger
des  kilt,  dem  belted  plaid,  abgewandt  hatten  (dies  unter  englischem  Druck,
denn  nach  der  Schlacht  von  Culloden  [1746]  wurden  die  Hochländer  entwaffnet
  und  das  Tragen  von  tartans  war  in  ganz  Schottland  verboten,  bei  zweimaligem
  Zuwiderhandeln  drohte  gar  eine  siebenjährige  Deportation  -  ein  Gesetz,
welches  bis  1782  in  Kraft  war).  Ein  englischer  Quäker  und  Unternehmer
(namens  Thomas  Rawlinson)  soll  zur  Erfindung  der  modernen  Form  des  kilt
entscheidend  beigetragen  haben,  indem  er  für  seine  Arbeiter,  welche  in  der
Holzfällerei  und  der  Eisenverhüttung  tätig  waren,  den  plaid  in  zwei
Kleidungsstücke  trennte,  wobei  der  Rock  eingenähte  Falten  erhielt  und  gekürzt
wurde,  damit  die  Arbeiter  sich  besser  bewegen  konnten.  Die  schottischen
Hochlandregimenter,  die  u.  a.  in  Amerika  und  Indien  kämpften,  brachten  den
kilt  dann  in  weiteren  Bevölkerungsschichten  wieder  in  Mode.11  Die
Inszenierung  der  Hochlandkultur  im  Jahre  1822  unter  dem  master  of
ceremonies  Sir  Walter  Scott  führte  zur  Festlegung  bestimmter  tartans  und  ihrer
  Zuordnung  zu  spezifischen  clans,  eine  Zuordnung,  die  vor  dem  18.

11  Siehe  dazu  Trevor-Roper:  „The  Invention  of  Tradition“,  S.  21-23.

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