Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Die  Neuinszenierung  des  hochländischen  clan  system,  das  seit  den  Gesetzen  von
1746  mehr  oder  weniger  zerstört  worden  war,  ist  ein  Produkt  der  Romantik
unter  dem  maßgeblichen  Einfluß  Walter  Scotts.  Sie  steht  in  einem  merkwürdig
zwiespältigen  Verhältnis  zur  verblassenden  Macht  der  Hochlande  und  trägt  zu
deren  Ästhetisierung  bei.  Die  farbenfrohe  Hochlandkultur  ist  ein  königliches
Spektakel,  das  mit  der  vorherrschenden  Kultur  der  lowlander  sehr  wenig  zu  tun
hat.  Georg  IV.  kann  als  inszenierte  Marionette  an  die  Seite  von  Waverley  im
kilt  gestellt  werden,  beide  stehen  als  Symbole  für  eine  erfolgreiche  Union  und
für  die  ästhetische  Distanzierung  einer  nicht  mehr  mit  Leben  erfüllten
Kulturform.  Daß  die  Inszenierung  Georgs  als  Hochländer  nur  zum  Teil  gelang,
kann  kaum  verwundern,  wurde  er  doch  von  echten  Hochlandfürsten  in  den
Schatten  gestellt.
The  King  at  his  first  levee  diverted  many,  and  delighted  Scott,  by
appearing  in  the  full  Highland  garb,  -  the  same  brilliant  Steuart  Tartans,
so  called,  in  which  certainly  no  Steuart,  except  Prince  Charles,  had  ever
before  presented  himself  in  the  saloons  of  Holyrood.  [...]  but  his  [the
king’s]  satisfaction  was  cruelly  disturbed,  when  he  discovered,  towering
and  blazing  among  and  above  the  genuine  Glengarries  and  Macleods  and
MacGregors,  a  figure  even  more  portly  than  his  own,  equipped,  from  a
sudden  impulse  of  loyal  ardour,  in  an  equally  complete  set  of  the  selfsame
  concpicuous  Steuart  tartans  [...]  In  truth,  this  portentuous  apparition
cast  an  air  of  ridicule  and  caricature  over  the  whole  of  Sir  Walter’s
Celtified  pageantry.  A  sharp  little  baillie  from  Aberdeen,  who  had
previously  made  acquaintance  with  the  worthy  Guildhall  Baronet,  and
tasted  the  turtle-soup  of  his  voluptuous  yacht,  tortured  him,  as  he  sailed
down  the  long  gallery  of  Holyrood,  by  suggesting  that,  after  all,  his
costume  was  not  quite  perfect.  [...]  ,,Oo  ay  -  oo  ay,“  quoth  the
Aberdonian;  „the  knife’s  a’  right,  mon,  -  but  faar’s  yer  speen?“  -
(where’s  your  spoon?)  Such  was  Scott’s  story,  but  whether  he  gave  it  [...]
in  the  hope  of  restoring  the  King’s  good-humour,  so  grievously  shaken  by
this  heroic  doppel-gänger,  it  is  not  very  necessary  to  inquire.* 10
Zugleich  aber  kann  die  ästhetisch-folkloristische  Kompensation  der  realen
Marginalisierung  Schottlands  als  eine  gelungene  Kanalisierung  nationaler
Energien  und  Träume  verstanden  werden.  Durch  die  Ästhetisierung  der  schottischen
  Identität,  bei  der  sich  wie  im  historischen  Roman  Geschichte  und  Fiktion
verschwistem,  kann  eine  Trennung  von  der  politischen  Wirklichkeit  erfolgen,
welche  die  Koexistenz  von  schottischem  Nationalismus  und  britischem  Denken
erlaubt  und  den  Verlust  der  schottischen  politischen  Macht  durch  nationale
kulturelle  Symbole  wie  den  kilt,  die  bagpipes  oder  das  clan  system  kompensiert,
  die  durch  die  verschiedenen  antiquarischen  Gesellschaften  restituiert

Scotland“,  in:  The  Invention  of  Tradition,  ed.  Eric  Hobsbawm  und  Terence  Ranger,
Cambridge:  CUP  1983,  S.  15-41,  S.  31.
10  Lockhart:  Memoirs,  S.  204.

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