Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Scott,  kann  uns  Schottland  im  18.  Jahrhundert  lehren.
Schauen  wir  uns  ein  besonders  sprechendes,  nicht-literarisches  Beispiel  für  diesen
  Spagat  zwischen  politisch-ökonomischer  Modernisierung  unter  britischer
Vorherrschaft  und  nostalgischer  Konstruktion  schottischer  Identität  an.  Das
Beispiel  ist  der  Besuch  Georg  IV.  in  Edinburgh  im  Jahre  1822.  Scott,  der  als
überzeugter  Tory  bereits  der  Krönung  Georg  IV.  mit  Begeisterung  beigewohnt
hatte,  geht  beim  Besuch  Georgs  in  Edinburgh  gar  so  weit,  ihn  mit  einem
Andreaskreuz  zu  beschenken,  auf  dem  die  gälischen  Worte  Righ  Albain  gu
brath  eingraviert  sind,  d.h.  „Dem  König  Schottlands  ein  langes  Leben“.  Ja,  er
inszeniert  auch  einen  großen  Aufmarsch  aller  Clans  für  den  König  und  wird  zur
unbestrittenen  Autorität  für  die  Ausstaffierung  Edinburghs  in  den  Farben  der
Clans.  Scott  muß  Rangfragen  zwischen  den  Clans  schlichten,  sein  früher
Biograph  und  Schwiegersohn  Lockhart  (1837)  urteilt:  „and  no  man  could  have
coaxed  them  into  decent  co-operation  except  him  whom  all  the  Highlanders,
from  the  haughtiest  Mclvor  to  the  slyest  Callum-Beg,  looked  up  to  as  the
preserver  and  blazoner  of  their  traditional  glories.“8  Scott  ist  master  of
ceremonies  während  des  königlichen  Besuchs,  qualifiziert  nicht  nur  durch  seine
literarischen  Gestaltungen  schottischer  Vergangenheit,  sondern  auch  durch  seine
Präsidentschaft  in  der  Celtic  Highland  Society  von  Edinburgh  (gegr.  1820).  Die
Konstruktion  schottischer  Identität  durch  Scott  und  die  Pflege  des  hochländischen
  Brauchtums  gehen  in  der  Romantik  Hand  in  Hand.  In  der  Tat  kann  die
sog.  Hochlandisierung  Schottlands  als  Produkt  einerseits  der  Bedrohung  der
highland  traditions  nach  den  drakonischen  Gesetzen  von  1746  gesehen  werden,
andererseits  als  Folge  der  europäischen  Romantik,  die  ja  auch  James
McPhersons  Oss/an-Fälschungen  hervorbrachte  (1805  von  Scott  entlarvt).
Georg  IV.  paradierte  in  einem  tartan,  der  fortan  als  Stuart  tartan  galt  und
maßte  sich  damit  indirekt  die  Rolle  des  Bonnie  Prince  Charlie  an;  die  Restauration
  des  Königs  brachte  keinen  Stuart,  sondern  einen  kostümierten  Hannoveraner.
  Über  die  generelle  Hochlandisierung  schottischer  Kultur  entrüstet  sich
Scotts  Schwiegersohn  und  Biograph  J.G.  Lockhart,  da  die  Hochländer  eigentlich
  immer  nur  einen  kleinen  Teil  der  schottischen  Bevölkerung  ausgemacht
hatten,  der  vor  der  Romantik  weitestgehend  als  barbarisch  und  räuberisch
verachtet  wurde.  Ähnlich  Macaulay  in  seiner  1849-61  veröffentlichten  History
of  England:
The  last  British  king  who  held  a  court  at  Holyrood  thought  that  he  could
not  give  a  more  striking  proof  of  his  respect  for  the  usages  which  had
prevailed  in  Scotland  before  the  Union,  than  by  disguising  himself  in
what,  before  the  Union,  was  considered  by  nine  Scotchmen  out  of  ten  as
the  dress  of  a  thief.9

J.G.  Lockhart:  Memoirs  of  the  Life  of  Sir  Walter  Scott,  7  Bde.,  Edinburgh  1837-8,  Bd.  3,
S.  193.
Zit.  nach  Hugh  Trevor-Roper:  „The  Invention  of  Tradition:  The  Highland  Tradition  of

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