Waverley dient aber nicht nur der Problematisierung von Grenzerfahrungen,
vielmehr auch der Errichtung von Grenzen. Zunächst einmal beschreibt der
Roman die Reise des Helden in die Fremdwelt, eine Reise, die Romanzenschemata
gemäß ist. Dabei kommt es zur zweifachen Grenzüberschreitung, von
England nach Schottland und von den lowlands in die highlands. Auf den
Spuren des Viehräubers Donald Bean Lean erkundet Waverley eine
romantisierte Hochlandwelt mit geradezu alpin anmutender Landschaft, in der
er die schöne Flora Mclvor kennenlernt, welche in der zentralen Szene auf
einer Felsnase über einem Wasserfall thront und zur Harfe eine Ballade
vorträgt. Waverleys Imagination tut ein übriges, um diese Fremdwelt zu
verzaubern und die Einbildungskraft vieler Leser anzuregen: Scott wurde zum
Entdecker des romantischen Schottland und zum Geburtshelfer für eine bis
heute blühende Tourismusindustrie. Damit werden Grenzen gesetzt. Die
Romantisierung der schottischen Bergwelt sowie die Idealisierung der räuberischen
Hochländer, die als loyale, tapfere und freiheitsliebende Kämpfer erscheinen,
führen zu scharfen Kontrastierungen gegenüber einem merkantilen
England und setzen zugleich, sinnbildlich verdichtet in der harfespielenden
Flora, eine poetische gegen eine prosaische Welt. Funktional liegen Vergleiche
zur Ossiandichtung oder für den deutschen Sprachraum zu den Geßnerschen
Idyllen nahe. Bemerkenswert ist dabei, daß Scotts literarische Grenzziehungen
keineswegs neu sind, sie entsprechen den traditionellen Grenzen zwischen
Romanze und Roman. Die Romanzenform hatte gerade im späten 18.
Jahrhundert eine neue Definition im gotischen Schauerroman gefunden - Scott
aber verlegt ihre meist im katholischen Südeuropa angesiedelten sublimen
Fremdwelten nach Norden in die schottische Heimat und erlaubt so ihre
Erschließung als touristische Nahwelt. Doch hier ist eine Präzisierung vonnöten:
Weniger Scott, als die Leserschaft, haben Waverley verkürzend als romantisch
interpretiert. Scott problematisiert durchaus die romantische Wahrnehmung
Schottlands, ist sie doch zum Teil das Produkt von Waverleys
Phantasie, mit der Flora, die ihn für die jakobitische Sache gewinnen soll, in
der erwähnten Schlüsselszene nur spielt. Flora auf dem Felsen über dem
Wasserfall stellt auch eine bewußt romantisch inszenierte Kunstwelt dar, inszeniert
aus politischem Kalkül des Bruders Fergus Mclvor, um Waverley an
die Sache der Jakobiten zu binden. Wenn viele Leser Scott als romantischen
Autor auffaßten und viele Verleger des Romans mit Vorliebe diese Szene illustrieren
ließen, überlasen sie die distanzierenden Signale, den ironischen
Unterton, mit dem sich der Erzähler immer über Waverleys ausschweifende
Donquichotterien und über seine jugendliche Phantasie lustig macht, vernachlässigten
sie auch die realistischen Analysen der sozialen Lage armer Schotten,
wie sie in der Schilderung des Dorfes Tully-Veolan dargestellt wird.
Schließlich lasen sie auch gegen den Strich des Romans, der der allmählichen
Aufklärung Waverleys zustrebt, dem Verlust aller Illusionen, insbesondere was
das Kriegswesen und die Politik betrifft.
Damit soll keineswegs die nostalgische Komponente in Scotts Werk geleugnet
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