Die nationale Bewegung befand sich in dieser Periode verstärkt unter der
Leitung der weltlichen Intelligenz. Damit ging auch eine antiklerikale Strömung
einher. Der Säkularisierungsvorgang führte schließlich dazu, daß die
Kirchen in diesem Prozeß immer stärker in den Hintergrund traten. Während
der politischen Konsolidierung und der Entstehung von Nationalstaaten verstärkte
sich schließlich diese bereits beschriebene Entwicklung.
An dieser Stelle soll noch ein Fall angeführt werden, in dem es der unierten
Kirche nicht gelungen war, eine einheitliche, dominierende Kultur auszubilden.
In Karpatoruthenien war es, im Widerstreit zwischen dem siebenbürgischen
Protestantismus, der lokalen Gewalt, dem habsburgischen Katholizismus und
dem Herrscher in Wien, ebenfalls 1646 in der Schloßkapelle von Uzhorod
(Ungvär) zum Abschluß einer Union gekommen. Die entstandene unierte
Kirche konnte sich nicht von der Oberhoheit der ungarischen katholischen
Kirche befreien. Die unierten ruthenischen Geistlichen blieben bis ins 20.
Jahrhundert hinein dem Metropoliten von Gran unterstellt.49
Im Zentrum der nationalen Bewegung Karpatorutheniens stand der 1866 in
Uzhorod gegründete Sankt-Basilius-Verein, der von griechisch-katholischen
Theologen geleitet wurde. In der ersten Phase zwischen 1866 und 1871 war der
Verein von der russophilen Richtung geprägt. Um die Jahrhundertwende trat
dann die magyarisierte und die russophile, später ukranophile Richtung in den
Vordergrund. Sie unterschieden sich lediglich in der Frage, ob die künftige
Schriftsprache das Ukrainische jenseits der Karpaten sein sollte oder ein Dialekt
der lokalen Volkssprache. Auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es unter
den Ruthenen keine einheitliche Gangart. Während sich unter den ruthenischen
Bauern die Übertritte zur griechisch-orthodoxen Kirche mehrten, machten sich
unter den ruthenischen Intellektuellen Magyarisierungstendenzen breit. Auch
die Mehrzahl der unierten Geistlichkeit setzte sich für die Einführung von ungarischer
Kultur und Sprache ein.50
Galizien und Siebenbürgen: Zwei Wege der Nationsbildung
Im Falle Ostmitteleuropas erweist sich die Frage nach der Grenze als ein befruchtendes
Element „bei der Suche nach einer historisch-strukturell tragfähigen
und sinnvollen Untergliederung Europas“.51 Ostmitteleuropa als Mitte, als
Übergang, als Grenze zwischen Ost und West sowie als historisch vielfältigen
49 Vgl. dazu Zeguc, Ivan: Die nationalpolitischen Bestrebungen der Karpato-Ruthenen
1848-1914, Wiesbaden 1965; Magocsi, Paul Robert: The Shaping ofa National Identity:
Subcarpathian Rus’, 1848-1948, Cambridge 1978.
50 Mayer, M.: „Beiträge zur Geschichte der Ruthenen (Karpatoukrainer) um die Jahrhundertwende“,
In: Acta Historica 19 (1973), Heft 1-2, S. 117-119, 131-147.
51 Schattkowsky (Anm. 4), S. 8-9.
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