gestellt. Die unterschiedlichen Konzepte der Entfaltung der nationalen Identität
in Galizien wirkten sich retardierend auf den Prozeß aus. Erst zu Beginn des
20. Jahrhunderts gelang es dem Metropoliten Andrej Septyc’kyj, die
Gegensätze zu glätten, und die Geistlichkeit näherte sich der ukrainophilen
Richtung.45 Für die Entstehung von etwas Eigenem im Widerstreit zweier
Kulturen ragte der unierte Metropolit Andrej Septyc’kyj heraus. Er selbst war
ein Grenzgänger zwischen der polnischen Kultur und den ukrainischen
Belangen. Der kirchliche Würdenträger zeigte auch gegenüber der russophilen
Strömung innerhalb der Kirche eine eigene Position. Seine Bemühungen, auch
das ostkirchliche Profil zu stärken, zielten daraufhin, die orthodoxen ukrainischen
Gläubigen im Osten, jenseits der Grenze Galiziens damit anzusprechen
und eine kirchliche Einigung der Ukraine über staatspolitische Grenzen hinweg
zu erreichen.46
Im Gegensatz zu Galizien wurde die unierte Geistlichkeit in Siebenbürgen von
der Magyarisierung ergriffen. Noch während der Amtszeit des Bischofs
Lemeny hieß es, der Hof des rumänischen unierten Bischofs gleiche einem ungarischen
Hof.47 Doch nicht nur dieser Umstand trug dazu bei, daß sich die
unierte Hierarchie und die in den unierten Schulen herangebildete weltliche
Intelligenz im Vorfeld der 48er Revolution entzweiten. Die Nationalversammlung
in Blasendorf, der Höhepunkt der Revolution bei den Rumänen
Siebenbürgens, wurde zwar von Lemeny mitgeleitet, doch stand der unierte
Philosoph Simion Barnupu eindeutig im Vordergrund. Auf kirchlicher Seite
machte das Ereignis deutlich, daß die Führungsrolle im Nationswerdungsprozeß
von der orthodoxen Kirche unter der Leitung Andrei §agunas übernommen
wurde.48 Daß sich ein großer Teil der unierten Geistlichkeit von der nationalen
Bewegung distanzierte und sich auf eine religiös-geistliche Ebene zurückzog,
zeigte sich also 1848 insbesondere in Siebenbürgen.
45 Zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts siehe auch Isaievych, Iaroslav: „Galicia and
Problems of National Identity“, in: Ritchie Robertson/Edward Timms (Hgg.), The Habsburg
Legacy: National Identity in Historical Perspective, Edinburgh 1994, S. 37-45;
weiterhin auch Himka, John-Paul: „The Greek Catholic Pastor and the Ukrainian National
Movement in Austria, 1867-1900“, in: Canadian Slavonic Papers 21 (1979), Heft 1, S.
1-3.
46 Wendland (Anm. 10), S. 110-111.
47 Xenopol, A.D.: Istoria Romänilor din Dacia Traianä. Vol. XII: Revolupa din 1848,
Bucure§ti 3. Auflage o.J., S. 12.
48 Siehe dazu Turczynski, Emanuel: „The National Movement in the Greek Orthodox
Church in the Habsburg Monarchy“, in: Austrian History Yearbook 3 (1967), Heft 3, S.
83-128; Hitchins, Keith: The Rumanian National Movement in Transylvania, 1780-1849,
Cambridge, Mass. 1969; ders.: Ortodoxie §i nafionalitate. Andrei §aguna §i romänii din
Transilvania 1846-1873, Bucure§ti 1995.
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