Die Revolution von 1848/49 wurde zum „Frühling“ der Nationswerdung bei
den Ruthenen.43 ln Galizien kam es während der Revolutionsjahre zur
Gründung der ersten politischen und kulturellen Organisationen und der ersten
Zeitung der Ruthenen. Diese Entwicklung verfolgte man in Wien nicht untätig.
Lenkend, stützend und sogar initiierend wurde eingegriffen. Die österreichische
Regierung unterstützte die nationalen, politischen und kulturellen Bestrebungen
der Ruthenen. Der österreichische Statthalter Graf Franz Stadion regierte nach
dem Prinzip des divide et impera. Er unterstützte die Ruthenen und unterdrückte
gleichzeitig die Polen in ihren Bemühungen. Als Antwort auf den im
März 1848 gegründeten polnischen Nationalrat drängte Stadion die ruthenische
Führungsschicht regelrecht, damit diese ebenfalls ihre Forderungen formulierte.
In einer Petition an den Kaiser verlangte sie die Anerkennung ihrer Nationalität
und die Teilung Galiziens in einen polnischen und einen ruthenischen Teil. Die
Führungsgruppe, die sich kurz darauf zur ersten ruthenischen politischen
Organisation zusammenschloß, dem Obersten Ruthenischen Rat, stand unter der
Leitung des griechisch-katholischen Hilfsbischofs (Hryhorij Jakymovyc). In
einem Manifest, das die politischen und ideologischen Grundlagen enthielt, erklärte
der Rat, daß die Ruthenen sich durchaus von den Polen und Russen unterschieden
und eine eigene Sprache sprächen. Der Inhalt widerspiegelte die
enge Verbindung von Kirche und Nationsbildung. Zwar wurde festgehalten,
daß die ruthenische Sprache durch die Verbreitung des gedruckten Wortes und
durch ihre Einführung in allen Schulstufen verbreitet und gefestigt werde, doch
galt als erste Aufgabe die Bewahrung des griechisch-katholischen Glaubens.
Gemäß dem Unionsakt von Brest-Litovsk hieß es in dem Manifest von 1848,
daß der griechisch-katholische Ritus sowie die Kirche und die Geistlichen
gleichberechtigt neben anderen Riten stehen müßten. Das Schriftstück erschien
in der ersten vom Rat herausgegebenen ruthenischen Zeitung, die große
Verbreitung fand und vom österreichischen Statthalter mitfinanziert wurde.44
Auch wenn mittlerweile weltliche Intellektuelle den Nationswerdungsprozeß in
Galizien lenkten, behielten die Geistlichen ihre besondere Rolle im ländlichen
Bereich durch ihre erzieherische Tätigkeit in Schule und Kirche. Wie groß der
Einfluß nach wie vor war, läßt sich daraus schließen, daß der Großteil der
Bevölkerung auf dem Land lebte und in der Landwirtschaft tätig war. Die
Geistlichen in Galizien verstanden es zunächst, eine neue Nation stark an der
östlichen russischen Kultur zu orientieren. Bis in die späten 1860er Jahre prägten
sie die russophil ausgerichtete altruthenische Richtung, die für eine kirchenslavische
Sprache, ein altslavisches Alphabet und eine Rus-Identität eintrat.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trat ihr die ukrainophile Ausrichtung
der weltlichen Intelligenz immer deutlicher entgegen. Im Rahmen dieses
Konzepts wurde eine eigenständige ukrainische Nationalität in den Vordergrund
43 Zur Revolution von 1848 in Galizien vgl. Bohachevsky-Chomiak, Martha: The Spring of
the Nation: The Ukrainians of Eastern Galicia in 1848, Philadelphia 1967.
44 Siehe den Inhalt des Manifests bei Magocsi, History of Ukraine (Anm. 41), S. 410.
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