ruthenen und Ukrainophilen, widersetzten sich die Russophilen. Dies führte
natürlich auch zu unterschiedlichen Konzepten von Nation. Die griechisch-katholische
Konfession wurde im Gegensatz zur katholischen Kirche der Polen
und der orthodoxen Kirche des russischen Reiches zur traditionellen Kirche der
Ruthenen. Den Russophilen gelang es jedoch mit Hilfe der orthodoxen Kirche,
die dem ukrainischen Ritus viel näher stand als die römisch-katholische Kirche,
eine zum Teil erfolgreiche Propaganda zu betreiben. Die russophile Aktion
fruchtete vornehmlich in Ostgalizien und auf dem Land. Aber selbst in den
Städten gab es russophile Organisationen. Gegen die zum Teil intensive Propaganda
war die unierte Kirche machtlos. Erst Bischof Septic’kyj wandte sich
rigoros gegen die Russophilen.32 Wie schwierig jedoch die Auseinandersetzung
war, zeigte, daß die Russophilen sogar von emigrierten Ruthenen aus
Nordamerika unterstützt wurden.33 In Siebenbürgen waren diese beiden Richtungen
zwar auch vertreten, doch viel wichtiger war hier die Bikonfessionalität
der Rumänen, wobei sowohl die unierte als auch etwas später die orthodoxe
Kirche Träger nationalen Gedankenguts waren.
Von diesen Beobachtungen ausgehend muß danach gefragt werden, ob und,
wenn ja, inwiefern sich die durch die unierte Kirche vorangetriebene Nationsbildung
von dem in der katholischen oder auch orthodoxen Kirche ablaufenden
Prozeß unterschied. Wie wirkte sich die konfessionelle Spaltung auf das
Nationalbewußtsein aus?
Hinsichtlich des Nationalbewußtseins der Unierten stößt man in der Literatur zu
den „Tirolern des Ostens“,34 wie die Ruthenen Galiziens noch genannt wurden,
und den Rumänen Siebenbürgens auf das prägende regionale Element als
Identitätsmerkmal.
Die Beleuchtung der Trägerschichten hebt die Bedeutung des „äußeren Faktors“
in der Nationsbildung hervor. Der Nationsbildungsprozeß war auch von Wien
aus gelenkt und beeinflußt, wobei jedoch nicht die Interessen jener Völker im
Mittelpunkt standen. Er sollte dem Zusammenhalt der Monarchie dienen. In
Galizien und Siebenbürgen mußte sich der Prozeß der Nationswerdung seinen
Weg in zum Teil heftiger Auseinandersetzung mit der von Moskau aus gelenkten
russischen orthodoxen Kirche, aber auch der Politik bahnen.
32 Himka, John-Paul: „Sheptyts’kyi and the Ukrainian National Movement before 1914“, in:
Paul Robert Magocsi (Hg.), Morality and Reality. The Life and Times of Andrei
Sheptyts’kyi, Edmonton 1989, S. 29-42.
33 In der Zeit von 1890-1913 wanderten zwischen 700.000-800.000 Ruthenen nach
Amerika aus. Bihl, Wolfdieter: „Die Ruthenen“, in: AdamWandruszka/ Peter Urbanitsch,
Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. Ill: Die Völker des Reiches, Wien 1980, S.
561.
34 Himka, John Paul: „The Greek Catholic Church and Nation-Building in Galicia, 1772-1918“,
in: Hazard Ukrainian Studies 8 (1984), S. 429.
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