Die Ruthenen sowie die Rumänen Siebenbürgens wurden zu den „geschichtslosen“
Völkern gezählt, die keine mittelalterliche Nation gebildet hatten.29 Bis
weit ins 18. Jahrhundert hinein galt in diesen Gebieten der ständische
Nationsbegriff. D.h. nicht Sprache oder Abstammung zählten als Kriterien,
sondern ständisch gesicherte Rechte und Freiheiten bestimmten die Gesellschaft.
In der Neuzeit orientierte sich der Nationsbegriff der Völker Ostmittel- und
Südosteuropas vor allem am Herderschen Modell.29 30 Im Vordergrund stand der
durch Genesis und Sprache sich herausgebildete kulturelle Nationsbegriff. Die
neuere Forschung geht davon aus, daß erst der Verlust von mehreren grundlegenden
kulturellen Modellen im Denken der Menschen das Vordringen des
Konstrukts der Nation ermöglichte. Grundlegende Voraussetzungen der nationalen
Bewegungen sind der technisch-ökonomische Fortschritt sowie die
Neustrukturierung und -formierung der Gesellschaft.31 Vornehmlich mit letzterem
haben wir es zu tun, wenn man die Rolle der unierten Kirche im Nationswerdungsprozeß
untersucht.
Schließlich muß noch eine weitere grundlegende Komponente im Nationswerdungsprozeß
angesprochen werden: Die herausragende Rolle von einzelnen
Persönlichkeiten im Nationsbildungsprozeß, die in unterschiedlichen Entwicklungsstadien
auftauchten und den Nationsbildungsprozeß entscheidend formten.
Dabei drängen sich Fragen auf nach den Trägem des Nationsbildungsprozesses
sowie nach der Art des Nationalbewußtseins, das geweckt wird. Hierbei kommt
den unierten Geistlichen eine besondere Bedeutung zu: Inochenjie Micu-Klein
bei den siebenbürgischen Rumänen und Andrej Septyc’kyj bei den Ruthenen
Galiziens.
Die Nationsbildungsprozesse bei den Ruthenen Galiziens und bei den Rumänen
Siebenbürgens verliefen sehr unterschiedlich, wenn man den Zusammenhalt der
zunächst geistlichen Trägerschicht bedenkt. In dem besonders langwierigen und
komplexen Vorgang bei den Ruthenen bekämpften sich im wesentlichen zwei
grundverschiedene Gruppierungen. Den ukrainischen Nationalisten, den Jung-29
Conze, Werner: „Ethnogenese und Nationsbildung - Ostmitteleuropa als Beispiel“, in:
Ders., Gesellschaft - Staat - Nation. Gesammelte Aufsätze, hg. v. Ulrich Engelhardt,
Reinhardt Koselleck, Wolfgang Schieder, Stuttgart 1992, S. 355-371 (hier S. 366-367).
30 Nation kann verstanden werden als soziale Großgruppe, „die durch bestimmte objektive
und subjektive Voraussetzungen integriert wird“. Plaschka, Richard Georg/Suppan,
Amold/Haselsteiner, Horst: „Zum Begriff des Nationalismus und zu seinen Strukturen in
Südosteuropa im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts“, in: Österreichische Osthefte
20 (1978), Heft 1, S. 48. Vgl. auch Sundhaussen, Holm: Der Einfluß der herderischen
Ideen auf die Nationsbildung bei den Völkern der Habsburger Monarchie, München
1973 (Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission 27).
31 Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen
Konzepts, Frankfurt am Main 2-1993, S. 21-42.
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