Vorrücken nach Osten traten die neu hinzugekommenen Gebiete als „Grenzländer“
ins Bewußtsein ein.18
Die Grundlage für die kirchliche Union von Brest-Litovsk von 1596 bildete die
polnisch-litauische politische Union von Lublin 1569. Sie ermöglichte bereits
das Vordringen westeuropäischer kultureller Strömungen in die zum
„polnischen Commonwealth“ gehörenden ruthenischen Gebiete. Für den Glanz
und die Stärke Polens strebte der katholische König Sigismund III. eine kirchliche
Einheit an, wobei er in seinem Unterfangen von den Jesuiten tatkräftig unterstützt
wurde. Zugleich sollte dadurch der sich bereits in der Defensive befindende
Protestantismus weiterhin geschwächt werden. Der Schritt war neben
der religiösen auch und vor allem eine politische Notwendigkeit für Polen, sah
man doch dem Einfluß Moskaus auf die orthodoxen Gläubigen in der Kiever
Metropolie mit Sorge entgegen. Diesem Streben der polnischen Obrigkeit kam
der Wunsch des orthodoxen Klerus entgegen, das im Verfall begriffene religiöse
Leben zu erneuern sowie durch die Integration in den Staat soziale und
politische Gleichstellung mit dem katholischen Klerus zu erlangen.19 Für die
Kirchenunion von Brest-Litovsk spielte zunächst der machtpolitische Gegensatz
zwischen dem Großfürstentum Litauen und Moskau eine wichtige Rolle. Die
Realunion ermöglichte dem polnischen Großadel die Ausdehnung seines
Grundbesitzes auf ruthenisches Gebiet. Mit der Union ging zugleich auch eine
Polonisierung der ruthenischen Bevölkerung einher.20 Besonders deutlich
wurde hierbei das Interesse der weltlichen Macht für das Zustandekommen der
Union. Die Union wurde außerdem zu einem Instrument der Latinisierung und
der Verbreitung des katholischen Glaubens in der Grenzregion.
Nach großen Erfolgen und dem Übertritt nahezu des gesamten Klerus geriet die
Union nach dem Erstarken der Orthodoxie zunehmend zwischen die Mühlen¬18
Conze, Ostmitteleuropa (Anm. 6), S. 124; Rothe, Hans: „Die Stellung Polen-Litauens in
der Kulturgeschichte Europas zwischen Ost und West“, in: Hans Hecker/Silke Spieler
(Hgg.), Nationales Selbstverständnis und politische Ordnung. Abgrenzung und
Zusammenleben in Ost-Mitteleuropa bis zum Zweiten Weltkrieg, Bonn 1991, S. 11-12.
19 Allgemein vgl. Halecki, Oskar: Grenzraum des Abendlandes. Eine Geschichte
Ostmitteleuropas, Salzburg o.J. [1957], S. 186-190; Rhode, Gotthold: Kleine Geschichte
Polens, Darmstadt 1965, S. 265-269; ausführlicher Nemec, Ludvik: „The Ruthenian
Uniate Church in its Historical Perspective“, in: Church History 37 (1968), S. 370-371;
Lacko, Michael: „Unionsbewegungen im slavischen Raum und in Rumänien“, in:
Wilhelm Nyssen/Hans-Joachim Schulz/Paul Wiertz (Hgg.), Handbuch der Ostkirchenkunde,
Bd, I, Düsseldorf 1984, S. 270.
20 Dazu allgemein Hoensch, Jörg K.: Geschichte Polens, Stuttgart 21990, S. 111; vgl. auch
Zemack, Klaus: Polen und Rußland. Zwei Wege der europäischen Geschichte, Berlin
1994, S. 162-164.
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