Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

werden  kann.  Entscheidend  ist,  daß  wir  es  hier  mit  einer  Erscheinungsform  zu
tun  haben,  die  die  ethnische  Bezeichnung  Polnisch  bekommt,  obwohl  ihre
Benutzer  nicht  unbedingt  Polen  und  in  jedem  Fall  multilingual  sind.  Trotz  der
Beimengung  zahlreicher  fremdsprachiger  Elemente  kam  es  nicht  zur
Pidginisierung,  was  von  einer  „Mischkultur“  eigentlich  zu  erwarten  wäre.
Wie  schon  erwähnt,  beruht  die  Eigenart  aller  Varianten  von  polszczyzna
kresowa  auf  dem  weißrussischen  und  litauischen  Substrat.  Die  Einflüsse  sind
auf  allen  Ebenen  des  sprachlichen  Systems  zu  beobachten:  als  prosodischphonetische
  Gewohnheiten,  als  lexikalische  Entlehnungen  und  Lehnprägungen,
im  morphologisch-syntaktischen  Bereich  bis  hin  zu  pragmatischen  Aspekten
(z.B.  Anrede,  Verwendung  emotionaler  Ausdrucksmittel,  Höflichkeitsnormen
usw.).  Besonders  stark  haben  sich  ostslawische  Eigentümlichkeiten  ausgeprägt.
In  der  Phonetik  äußert  sich  das  unter  anderem  in  folgenden  Erscheinungen:
•  die  nach  vorne  verschobene  Artikulation  der  mitteldentalen  Konsonanten  s,  z,
c,  z  (im  Standardpolnischen  sind  vorderpalatale  Laute  nur  als  phonologische
Varianten  der  mitteldentalen  in  Fremdwörtern  zu  finden);
•  die  palatale  Realisierung  des  /’  in  allen  Positionen,  nicht  nur  vor  dem  Vokal  i
(wie  im  Standardpolnischen);
•  die  Opposition  jc  :  h  (vgl.  poln.  chart  -  hart),  die  sich  in  der  Standardsprache
nie  etabliert  hat:  das  stimmhafte  h  kommt  dort  nur  als  eine  kontextbedingte
Variante  vor;
•  der  dynamische  Akzent,  der  den  Klang  der  unbetonten  Vokale  stark
beeinflußt:  eine  Tendenz,  die  im  Weißrussischen  als  „akanje“  bzw.  „jakanje“
bekannt  ist,  im  mehr  kultivierten  Kulturdialekt  allerdings  nicht  so  deutlich  zum
Vorschein  kommt.  In  den  ländlichen  Mundarten  dagegen  wird  sie  sogar  morphologisiert
  und  führt  zum  Verlust  der  nominalen  Kategorie  der  Neutra.16  Im
allgemeinen  zeigen  diese  Intonationsmerkmale  einen  auffälligen  melodischen
Charakter  („spiewna  mowa“).
Diese  exemplarisch  ausgewählten  Merkmale  vermitteln  einen  Eindruck  davon,
was  mit  dem  ostslawischen  (weißrussischen)  Substrat  gemeint  ist.  Die  Spuren
des  Litauischen  sind  aus  verständlichen  Gründen  nicht  so  deutlich.  Offen  bleibt
die  Frage  des  phonetischen  Einflusses.  Obwohl  genetisch  weiter  vom
Polnischen  entfernt,  hat  Litauisch  wenigstens  eine  den  ostslawischen  Sprachen
ähnliche  artikulatorische  Basis  und  den  melodischen  Tonakzent.  Grammatikalisch
  wird  der  Wirkung  des  Litauischen  die  bereits  erwähnte  Neutralisierung
der  Genusopposition  feminin  :  neutrum  zugeschrieben.  Auch  den  prädikativen
Gebrauch  der  ~(f)sy  Partizipien  in  den  polnischen  Mundarten  im  Wilnaland

16 Das  Verschwinden  der  Subkategorie  neutrum  läßt  sich  dadurch  erklären,  daß  die  Endung
-e  (ein  Kennzeichen  für  die  sächliche  Deklination)  wie  -a  ausgesprochen  wird,  was
wiederum  eine  typische  Endung  für  Feminina  ist.  Nicht  auszuschließen  wäre  auch  der
Einfluß  des  Litauischen,  in  dessen  grammatischem  System  es  nur  die  Dichotomie  des
Typs  masculin  :  feminin  gibt.

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