Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Schon  bei  dieser  kargen  Darstellung  ergeben  sich  viele  Fragen,  die  das
Schicksal  der  Sprache  und  der  Gesellschaft  angehen,  vor  allem  was  die
bedenkliche  Feststellung  betrifft,  der  Polonisierungsprozeß  sei  freiwillig
gewesen.  In  der  Tat  gab  es  keine  administrativen  Regelungen.  Man  sollte  aber
nicht  vergessen,  daß  Polnisch  damals  im  Staat  zweier  Nationen  die
Prestigesprache  darstellte,  die  mit  sozialem  Aufstieg  verbunden  war.  Heute
noch  berichten  die  Dialektologen,  es  sei  die  „Herrensprache“  (pariski  j§zyk)  im
Bewußtsein  der  Befragten,  während  Weißrussisch  eine  Bauernsprache  (jgzyk
muzycki)  sei.  Dieses  Stereotyp  erklärt,  warum  z.B.  Polonistikstudenten  ungern
zugeben,  wenn  ihre  Eltern  bzw.  Großeltern  im  Alltag  die  „prosta  mowa“
benutzen  (vgl.  Nagörko  1995).
Herren-  bzw.  Bauemsprache  sind  keine  ethnischen,  sondern  soziale  Kategorien.
Daß  Polnisch  auch  einen  ideologischen  Wert  haben  kann,  hat  die  breite
Diskussion  über  die  Genese  der  polnischen  Mundarten  in  Litauen  bewiesen,  an
der  im  Tumult  der  Wendezeit  nach  1989  nicht  nur  Linguisten  teilgenommen
haben  (vgl.  Grek-Papisowa  1992,  Maryniakowa  1992,  M^delska  1993,  Rieger
1995  u.a.).  Im  allgemeinen  ging  es  darum,  ob  trotz  der  klassischen  Position
von  Halina  Turska  (nach  der  Polnisch  von  ethnisch  fremder  Bevölkerung
assimiliert  worden  ist)  auch  anzunehmen  wäre,  daß  die  Sprache  mit  Kolonisten
aus  benachbarten  Regionen,  vor  allem  Masowien,  aufs  Land  gekommen  sei.
Dieses  Argument  könnte  die  Ansprüche  mancher  litauischen  Aktivisten  auf  die
Relithuanisierung  der  Bevölkerung  neutralisieren.  Die  Reaktionen  auf  diese
Diskussion  machten  ein  weiteres  Mal  deutlich,  wie  labil  und  unsicher  das
nationale  Selbstbewußtsein  in  Grenzgebieten  sein  kann.
Weitere  Fragen  betreffen  die  angesehene,  wenn  auch  wenig  erforschte
Kulturvariante.  Ist  sie  tatsächlich  mit  der  fast  ausnahmslosen  Auswanderung
ihrer  natürlichen  Träger  ausgestorben?  Jüngste  Forschungen  (vgl.  Masojc  1999)
ergeben,  daß  die  neue  Wilnaer  Intelligenz,  die  sich  zu  den  polnischen  Wurzeln
bekennt,  diese  Varietät  weiter  zu  pflegen  scheint.  Die  Besonderheiten  ihrer
Sprache  sind  nicht  nur  auf  die  bäuerlichen  Mundarten  zurückführbar.  Übrigens
gibt  auch  Kurzowa  zu,  daß  es  Entlehnungen  aus  dem  „Kulturdialekt“  in  den
sozial  niedriger  plazierten  Sprachvarietäten  gab  (vgl.  dazu  Rieger  1995,  S.  36).
Im  Grunde  genommen  gehört  sie  zu  den  Linguisten,  die  für  das  vertikale
Verbreitungsmodell  der  Sprache  plädieren.15
4.2. Die  skizzenhaft  dargestellten  Fragen  beziehen  sich  auf  die  interne
Differenzierung  der  Sprache,  die  sich  zwar  für  Linguisten  als  relevant  erweist,
aus  unserer  Perspektive  jedoch  als  ein  internes  Problem  außer  acht  gelassen

15 Diese  Meinung  wird  nicht  von  allen  Forschem  geteilt.  Für  Halina  Turska  z.B.  breitete
sich  die  polnische  Sprache  unter  der  Dorfbevölkerung  vor  allem  durch  die  Kirche  aus  und
nicht  durch  den  Herrenhof.

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