Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

b)  Polnische  Mundarten  in  Litauen  -  eine  spätere  Variante  des  Polnischen,  die
in  Folge  der  Polonisierungsprozesse  auf  dem  Lande  entstanden  ist,  welche  erst
in  der  zweiten  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts  größere  Ausmaße  angenommen
haben.  H.  Turska  nennt  sie  „polska  gwara  litewska“  („polnische  Mundart  in
Litauen“)  -  sie  wird  manchmal  zu  unrecht  mit  der  ersten  Variante,  mit  dem
Kulturdialekt,  identifiziert.  Für  Historiker  und  Sprachwissenschaftler  ist
rätselhaft,  warum  es  zur  sprachlichen  Polonisierung  der  Bauern  in  einer
politisch  so  ungünstigen  Situation  gekommen  ist  -  nämlich  nach  dem
antirussischen  Januaraufstand  im  Jahre  1863,  dessen  Folge  ein  verstärkter
Russifizierungsdruck  gewesen  war.  Vielleicht  liegt  die  Erklärung  darin,  daß  im
selben  Jahr  die  Leibeigenschaft  auf  dem  Lande  vom  Zaren  aufgehoben  wurde.
Dies  hat  das  Selbstbewußtsein  der  Landbevölkerung  gestärkt.  Das  Gefühl  der
Gleichberechtigung  mit  dem  Adel  fand  seinen  Ausdruck  in  der  Nachahmung
des  Lebensstils  der  sozial  höher  gestellten  Schichten,  vor  allem  was  die
Sprache,  den  Baustil  und  die  Bekleidung  betraf.  (Kunsthistoriker  z.B.  verzeichnen
  als  typisch  für  diese  Zeit  die  zunehmende  Mode  der  Landhausarchitektur
unter  den  Bauern  -  im  Stil  eines  typischen  adligen  dworek,  mit  zwei  Säulen  im
Vorbau  und  den  obligatorischen  Agaven  inmitten  des  Blumenbeets  an  der
Einfahrt.  Solche  Gebäude  gehören  längst  zur  nationalen  Ikonographie.  Zur
visuellen  Kultur,  die  in  Bildern  fixiert  wird,  zählen  übrigens  nicht  nur  Gemälde
aus  Nationalgalerien,  sondern  auch  gegenwärtige  Werke  der  Filmkunst.)14
c)  Nach  dem  zweiten  Weltkrieg  wurde  das  alte  Randnordostpolnisch  zu  einem
Interdialekt,  d.h.  zu  einem  Verständigungsmittel  der  Bevölkerung  der  ethnisch
gemischten  Gebiete  im  weißrussisch-litauischen  Grenzgebiet.  Diese  Rolle
spielte  Polnisch  ungefähr  bis  zu  den  60er  Jahren  unseres  Jahrhunderts,  bis  es
vom  Russischen  ersetzt  wurde.
d)  In  der  Gegenwart  haben  wir  es  in  Litauen  -  so  meint  zumindest  Kurzowa  -
mit  dem  Polnischen  einfach  als  einer  regionalen  Variante  des  Standardpolnischen
  zu  tun,  parallel  zu  den  anderen  Varianten,  wie  z.B.  Polnisch  in
Groß-  und  Kleinpolen,  Polnisch  der  Hauptstadt  Warschau  usw.  Natürlich
kommen  nur  solche  phonetischen,  lexikalischen  und  grammatischen  Unterschiede
  in  Frage,  die  in  normativen  Kompendien  als  Provinzialismen
zugelassen  werden.

Mickiewicz  (H.  Turska)  und  Syrokomla  (Trypucko  1957)  anhand  von  Veröffentlichungen
  geben  keine  befriedigenden  Antworten  zum  Thema.  Wie  bekannt,  unterliegt  die
Schriftsprache  normativen  Bemühungen  der  Herausgeber.  Darüber  hinaus  hat,  wie  man
weiß,  Mickiewicz  Freunden  die  Korrektur  seiner  Texte  anvertraut,  die  dann  zahlreiche
Regionalismen  beseitigten.
14 Im  September  1999  kam  die  Filmversion  des  Pan  Tadeusz  vom  Meisterregisseur  Andrzej
Wajda  da  heraus.  Der  Spielort,  das  Landgut  Soplicowo  in  Litauen,  ist  im  Nationalepos
von  Mickiewicz  ein  Hort  des  Polentums.

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