Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Bezug  auf  die  Bevölkerungsanzahl  überwog.12  Ohne  Zweifel  haben  dazu  die
Umstände  in  der  Zeit  der  Sowjetunion  beigetragen,  soziale  und  ökonomische
Unterschiede  zwischen  den  Sowjetrepubliken  Litauen,  Weißrußland  und  der
Ukraine.
Soziologische  und  historiosophische  Erwägungen  sollten  wir  aber  beiseite
lassen.  Entscheidend  für  unser  Thema  ist  die  Beobachtung,  daß  auch  in
Grenzsituationen  ein  Bedarf  nach  eigener  Identität  besteht.  Von  maßgeblicher
Bedeutung  sind  dabei  die  Tradition  und  die  Sprache,  weil  sie  die  Pfeiler  der
ethnischen  Kultur  sind.  Wie  gesagt,  hat  eine  gegebene  Gemeinschaft  ein
selektives  Verhältnis  dazu.  Deswegen  bin  ich  der  Meinung,  daß  für  eine  solche
Kultur  ein  in  der  Linguistik  entwickeltes  „Substrat-Adstrat“-Modell  zutreffend
ist,  weil  es  bei  der  angenommenen  Hierarchie  der  Bestandteile  nicht  daran
zweifeln  läßt,  daß  es  sich  doch  um  eine  eigene  Kultur  handelt,  und  nicht  etwa
um  eine  „Mischkultur“,  die  vom  „Melting-pot-Modell“  impliziert  wird.
Wie  so  etwas  funktioniert,  möchte  ich  am  Beispiel  der  sprachlichen  Daten
zeigen,  am  Phänomen  der  sog.  polszczyzna  kresowa  (Kr^vy-Polnisch,  Polnisch
der  Randgebiete).  Das  Substrat  bilden  Weißrussisch  und  Litauisch  (in  der
nordwestlichen  Variante,  die  ich  hier  näher  charakterisieren  möchte  -  es  geht
also  um  polszczyzna  pölnocnokresowa),  als  Adstrat  dient  Russisch,  unter  Umständen
  auch  Standardpolnisch.
Die  Bezeichnung  polszczyzna  kresowa  (selbst  mit  dem  Zusatz  pölnokresowä)  ist
nicht  eindeutig.  Im  Verlauf  der  Jahrhunderte  kann  man  folgende,  sozial
gefärbte  Varietäten  innerhalb  dieses  Konglomerats  unterscheiden:
a) Polnisch  der  Ansiedler  aus  der  „Krone“  (so  wurde  Polen  in  der
Bundesmonarchie  genannt),  die  überwiegend  dem  Klerus,  dem  Adel  und  dem
Bürgertum  angehörten.  Die  Sprache  wurde  von  den  einheimischen  Eliteschichten
  übernommen  und  hat  den  ersten  Anstoß  zur  Herausbildung  der
Prestigevariante  gegeben,  die  als  „dialekt  kulturalny“  (Kulturdialekt)  bekannt
ist.  Es  handelt  sich  um  eine  gesprochene  Form  des  Polnischen,  die  vor  allem  als
die  Verkehrssprache  unter  den  höheren,  privilegierten  Sozialschichten  galt  und
sich  von  dort  aus  vertikal  nach  unten  verbreitete.  Entgegen  allem  Anschein  ist
uns  diese  Variante  heute  wenig  bekannt.  Die  den  Forschern  zugänglichen
Quellen  sind  zwangsläufig  geschriebene  Texte  (wie  z.B.  der  Nachlaß  von
Filomaten  und  Filareten  -  einem  patriotischen  Geheimbund  der  Jugend  in
Wilna,  zu  dem  auch  Mickiewicz  gehörte).13

12  Zu  dieser  Schlußfolgerung  haben  mich  Befragungen  der  Vertreter  der  jungen  polnischen
Intelligenz  in  Wilna  sowie  die  Lektüre  der  polnischsprachigen  litauischen  Presse
veranlaßt.
13  Eine  umfangreiche  Analyse  der  Quellen  stellt  die  Monographie  von  Zofia  Kurzowa  dar  -
vgl.  ihr  J^zyk  filomatöw  i  filaretöw.  Auch  die  Untersuchungen  der  Sprache  von

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