Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Zugehörigkeit  funktioniert  sie  noch  in  der  Gegenwart  (lit.  cioniksciai),  obwohl
eine  solche  Selbstbestimmung  heute  immer  unbeliebter  wird.  Mehr  oder
weniger  bewußt  bedeutet  sie  eine  Verschmelzung  mehrerer  Kulturen,  vor  allem
der  weißrussischen,  litauischen  und  polnischen.  Sie  ist  für  die  Landbewohner
der  Grenzgebiete  typisch,  die  als  ihren  Primärkode  die  „prosta  mowa“,  einen
stark  polonisierten  westlichen  weißrussischen  Dialekt  benutzen.
Der  moderne  Nationalismus  des  XX.  Jahrhunderts  in  den  neuen  Staaten  Polen
und  Litauen  verlangte  nach  1918  eine  klare  Entscheidung.  Nicht  selten  fiel  sie
in  ein  und  derselben  Familie  unterschiedlich  aus.  Ein  extremes  Beispiel  stellt
hier  der  Fall  von  Oskar  Milosz  dar,  dem  Onkel  von  Czestaw  Milosz.  In
Frankreich  als  Sohn  einer  Landadelsfamilie  aus  den  Kresy  erzogen,  ein  Dichter
französischer  Sprache,  war  er  erster  Botschafter  Litauens  in  Paris.  Sein  Neffe,
der  zweifelsohne  zur  polnischen  Literaturgeschichte  gehört,  schreibt:
„...ofiarowal  Litwie  swoje  sluzby  i  swoje  dzielo,  czyli  dal  Litwinom
prawo  do  nazywania  go  poet£  litewskim.“  [„Er  hat  Litauen  seine  Dienste
und  sein  Werk  geopfert,  das  heißt,  er  hat  den  Litauern  das  Recht  gegeben,
ihn  einen  litauischen  Dichter  zu  nennen“]  -  Milosz  1992,  S.138.
Problematisch  ist  nun,  daß  Oskar  Milosz  in  Litauen  nur  in  Übersetzungen
gelesen  werden  kann.  Das  sprachliche  Kriterium  ist  dabei  außerordentlich
wichtig.  Der  schon  zitierte  Czeslaw  Milosz  hat  es  formuliert  und  mehrmals
wiederholt:  Litauen  wurde  von  der  Philologie  erzeugt  [,,Litw$  zrodzila
filologia“]  -  als  Mission  der  neuen  litauischen  Intelligenz  bäuerlicher
Abstammung,  die  sich  durch  ihre  Hefte  wie  Ausra  [„Das  Morgenrot“]  von
Basanavicius  auf  litauisch  an  die  Landsleute  wandte,  an  das  Landvolk,  das
einziger  Depositär  der  Sprache  geblieben  ist.  Das  wundert  kaum,  weil  die
Entnationalisierung  mit  der  sprachlich-kulturellen  Polonisierung  identifiziert
wurde.  Andere  Kriterien  konnte  es  nicht  geben,  da  sowohl  Polen  als  auch
Litauen  um  die  Jahrhundertwende  auf  keiner  politischen  Landkarte  existierten.

4. „Melting-pot“  oder  „Substrat-Adstrat“-Kultur?
4.1. Die  gemeinsame  Vergangenheit  wird  unterschiedlich  bewertet.  Manche
einheimischen,  publizistisch  eingestellten  Historiker  äußern  sich  überrascht,  daß
die  Litauer  sich  nicht  zur  glorreichen  Jagiellonenmonarchie  bekennen  und  eine
mögliche  Föderation  nach  dem  ersten  Weltkrieg  abgelehnt  haben.  Sogar  die
ansässige  polnische  Minderheit  im  heutigen  Litauen  hat  Probleme  mit  dem
Großfürstentum  Litauen.  Ihr  Verhältnis  dazu  ist  selektiv.  Sie  kann  sich  mit  dem
identifizieren,  was  das  litauische  Element  darstellt,  nicht  aber  mit  dem
Ostslawischen,  welches  in  der  Vergangenheit  sowohl  territorial  als  auch  in

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