Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Свечи  на  ветру  dargestellte  Welt  jüdisch  ist.  Russisch  als  eine  Brücke  zum
Kosmopolitismus  war  für  viele  attraktiv,  aber  auch  Polnisch  spielte  diese  Rolle.
Unter  dem  polnischen  Komplex  leidet  besonders  die  litauische  Kultur.  Das
äußert  sich  u.a.  in  Form  der  unproduktiven  Streitigkeiten  um  die  nationale
Herkunft  mancher  zur  polnischen  Literatur  gehörenden  Dichter  und  in  den
Vorwürfen  des  scheinbaren  Raubes  der  Talente.  Die  Literaturgeschichte  nennt
das  den  „Conrad-Komplex“  -  hier  wird  Bezug  genommen  auf  den  Fall  von
Jözef  Korzeniowski  alias  Joseph  Conrad.  Dabei  ist  die  Parallele  zur  litauischen
Literatur  nicht  ganz  angemessen.  Für  Conrad  war  Englisch  eine  Fremdsprache,
die  er  später  erlernte.  Bei  der  Anwendung  des  Begriffs  auf  litauische  Autoren
geht  es  jedoch  um  solche,  die  seit  ihrer  Kindheit  Polnisch  gesprochen  haben,
wenigstens  in  der  regionalen  Variante,  in  polszczyzna  kresowa.
Ganz  oben  in  der  Liste  der  Anspruchsteller  steht  Adam  Mickiewicz  mit  seinem
Lokalpatriotismus,  der  in  der  berühmten  Invokation  zum  Pan  Tadeusz  zum
Ausdruck  kommt:  „Litwo,  ojczyzno  moja!“  [„Litauen,  mein  Vaterland!“].9 11  Der
Dichter  selbst  hat  den  Kritikern  im  rätselhaften  Vers  „z  matki  obcej“  [„von
fremder  Mutter“]  in  Dziady  etwas  Stoff  für  biographische  Erwägungen
hinterlassen.  10  Die  andauernde  Diskussion  über  die  ethnischen  Wurzeln  der
Familie  Mickiewicz  ändert  jedoch  nichts  an  der  Tatsache,  daß  das  Schaffen  von
Adam  Mickiewicz  zur  polnischen  Sprach-  und  Literaturgeschichte  gehört.
Einem  Historiker  geben  ähnliche  Fälle  Anlaß  dazu,  über  Sprach-  und
Nationalbewußtsein  in  ethnisch  gemischten  Gebieten  nachzuforschen.  In  den
Kresy  hat  sich  in  der  Vergangenheit  die  Kategorie  „Gente  Ruthenus,  natione
Polonus“  entwickelt,  die  zuerst  auf  aristokratische  Sippen  wie  Radziwill
(Radvila),  Sapieha  (Sapiega),  Chodkiewicz  (Chodkevicius)  u.a.  zutraf,  aus
denen  viele  spätere  Senatoren  und  sonstige  Würdenträger  der  Rzeczpospolita
hervorgingen.  Die  bevorzugte  Bezeichnung  ,Ruthenus4  weist  darauf  hin,  daß
der  litauische  Adel  oft  bereits  slawisiert  war  (wie  bekannt,  war  Altweißrussisch
die  erste  Schriftsprache  der  litauischen  Kanzleien).!  1  Eine  einfachere  Variante,
die  nicht  unbedingt  als  eine  Art  des  nationalen  Indifferentismus  verstanden
werden  muß,  war  die  synthetische  Kategorie  „tutejszosc“  (vom  Adjektiv
tutejszy  einheimisch4).  Als  eine  Antwort  auf  die  Frage  der  nationalen

9  Diese  verlegene  Apostrophe  hat  sogar  der  um  die  Korrektur  gebetene  Freund
Mickiewiczs,  Stefan  Witwicki,  bei  der  ersten  Ausgabe  streichen  lassen  (vgl.  Zakrzewski
1998,  S.  10).
10  Vgl.  die  Monographie  von  Jadwiga  Maurer:  „Z  matki  obcej'1,  London  1991.
11  Die  sprachliche  Situation  im  Großfürstentum  Litauen  ist  ein  Thema  für  sich.  Der  in  der
Slawistik  relativ  neue  Ausdruck  „Altweißrussisch“  bezieht  sich  auf  die  nordwestliche
Variante  des  Altrussischen,  bekannt  z.B.  aus  den  sog.  Litauischen  Statuten.  Polnisch  als
offizielle  Amtssprache  wurde  erst  später  eingeführt,  ungefähr  einhundert  Jahre  nach  der
Lubliner  Union  (1596).

286
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.