Full text: Grenzkultur - Mischkultur?

Roman Na kresach von Jan Zachariasiewicz erschienen (in Leipzig heraus¬ 
gegeben). Der Verfasser schrieb: 
„Nasze kresy zmienily sie• Od Dniepru i stepöw ukrairiskich przeniosly sie 
nad Warte i Notec. Tu stac i o posiadlosc nasz^ walczyc nalezy“ [„Unsere 
kresy haben sich verändert. Vom Dnjepr und den Steppen der Ukraine 
haben sie sich an die Warthe und die Netze verlegt. Hier sollte man 
bleiben und um unseren Besitz kämpfen.“ - Warthe (Warta) und Netze 
(Notec) - Flüsse in Großpolen] (Zitat nach Kolbuszewski 1987, S. 179) 
Dieser patriotische Aufruf hat wohl kaum ein Echo gefunden, obwohl nach den 
Teilungen Polens die an Preußen gefallene Wiege des Staates, Großpolen, 
durch Bismarcks Kulturkampf von der Entnationalisierung bedroht war. Trotz 
dieser Gefahr besitzt dieses Gebiet jedoch nicht den Sonderwert dessen, was im 
nationalen Mythos unter Kresy fixiert wird. 
3, Warum der Osten? 
Nur im Osten waren die Verhältnisse dem nahe, was als Zivilisationsgrenze 
verstanden werden kann. Das geht aus mehreren Gegebenheiten hervor, wichtig 
sind vor allem folgende Aspekte: 
• An der Südostgrenze stieß die ehemalige Rzeczpospolita - ein katholisches 
Land — auf das moslemische Tataren- und Türkenreich. Die Bedrohung für den 
Glauben wurde zur stolzen Überzeugung umformuliert, Polen sei ein „Bollwerk 
des Christentums“ im westlichen Sinne, weil die Ostslawen als Orthodoxe auch 
zu den Gegnern zählten. Der Adel und diejenigen, die darauf Anspruch erho¬ 
ben, knüpften direkt an das ritterliche Ethos an, wobei die eigene Geschichte 
stark glorifiziert wurde. Letztendlich gehört auch der Wilnaer Partisanenkrieg 
gegen die Rote Armee im Jahre 1945, den Tadeusz Konwicki in seinen 
zahlreichen Romanen4 zu einem Krieg der westlichen Werte mit dem wilden 
Asien stilisiert hat, zum antemurale-Ethos. 
• Die zur Rzeczpospolita gehörenden Steppen der Ukraine waren ein schwach 
besiedeltes Land, im wahrsten Sinne von der „Zivilisation“ kaum berührt - 
völlig anders als im industriellen Westen. Schon die Onomastik weist darauf 
hin, vgl. z.B. Dzikie Pola ,Wilde Felder' - die Heimat der geflohenen 
Kosaken. Eine typische Ä>?.sy-Landschaft ist grenzenlos, eben bezkresny 
(pejzaz). In diesem Adjektiv kommen wir zur ursprünglichen Bedeutung des 
Substantivs kres als ,ein Ende' zurück. In der Funeraldichtung des polnischen 
Barock wurde dieses Ende oft mit dem Tod identifiziert: kres zycia ,Lebens¬ 
ende'. Auch das bildet eine starke Komponente im Konnotationsfeld der 
späteren räumlichen Semantik von Kresy, wo das menschliche Leben sowie das 
Landgut viel mehr als anderswo bedroht waren. 
Vgl. u.a. Rojsty, 1956, Sennik wspöfczesny, 1963, Wschody i zachody ksigzyca, 1982. 
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