Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Jahrhundert  verdankt  den  ehemaligen  Kresy  solche  Persönlichkeiten  wie  den
Nobelpreisträger  Czeslaw  Milosz  und  andere  erstrangige  Schriftsteller  wie
Tadeusz  Konwicki,  Andrzej  Kusniewicz,  Wlodzimierz  Odojewski3  oder  die
schon  verstorbenen  Leopold  Buczkowski,  Stanislaw  Vincenz  und  Bruno  Schulz
-  die  Namenliste  könnte  um  zahlreiche  Beispiele  erweitert  werden.
Tadeusz  Konwicki  schrieb  etwas  überheblich  über  seine  Heimat,  die  Wilnaer
Gegend:
„Stamt^id  wyszlo  na  Europa  i  Ameryke  wszystko,  co  najlepsze,  co  t$  star?i
Europa  i  mlodii  Ameryk?  popchn^to  do  przodu“  (T.  Konwicki,  Wschody  i
zachody  ksigzyca,  Warszawa  1990,  S.  172)  [„Von  dort  her  ist  nach  Europa
und  Amerika  alles  gekommen,  was  am  besten  ist,  was  dieses  alte  Europa
und  junge  Amerika  nach  vorne  gestoßen  hat.“]
Ähnliche  Gedanken  findet  man  bei  seinem  Landsmann  Czeslaw  Milosz.
Natürlich  ist  hier  ein  Arkadien-Mythos  zu  erkennen,  dessen  Nährboden  die
Verbannung  ist.  Dieser  Mythos  ist  in  der  XVesy-Literatur  seit  zwei  Jahrhunderten
  lebendig  und  gehört  zu  den  zahlreichen  Stereotypen  und  Mythen
über  die  Ostrandgebiete  (E.  Czaplejewicz  1996,  S.  15f.,  hat  mindestens  16
wiederkehrende  Motive  und  Vorstellungen  über  Kresy  in  der  schöngeistigen
Literatur  aufgezählt  -  darauf  komme  ich  später  zurück).
In  der  Publizistik  (z.B.  des  Wilnaer  Journalisten  und  Chefredakteurs  der
konservativen  Zeitung  Stowo  J.  Cat-Mackiewicz)  sowie  im  politischen  Denken
(und  Wirken)  des  Staatsmannes  Jözef  Pilsudski  ist  eine  motivierende  Metapher
zu  finden,  wonach  Polen  einer  Brezel  gleiche:  leer  in  der  Mitte,  das  Wertvollste
befinde  sich  am  Rande.
Es  ist  wohl  kaum  übertrieben  zu  sagen,  daß  die  besondere  Rolle  der  Kresy
nirgendwo  anders  ihresgleichen  zu  haben  scheint.  Die  deutsche  Nostalgie  nach
Stettin,  Breslau  oder  Danzig,  nach  den  Landschaften  Schlesiens  und  Pommerns,
gehörte  nie  zum  Hauptstrom  der  deutschen  Kultur.  Das  Schaffen  von  Günter
Grass,  Siegfried  Lenz  und  Horst  Bienek  berührt  die  deutschen  Gemüter  nicht
auf  dieselbe  Weise  wie  die  ÄTesy-Literatur  die  polnische  Leserschaft.  Übrigens
sind  die  ehemaligen  deutschen  Ostrandgebiete  die  heutigen  Kresy  für  die  Polen,
wenn  man  bei  der  weiten,  etymologisch  gestützten  Lesart  dieses  Wortes  bleibt.
In  der  Tat  wird  allmählich  auch  dieses  Land  von  polnischen  Autoren  der
Nachkriegsgeneration  zum  Sujet  erhoben.  Ein  künstlerisch  gelungenes  Beispiel
lieferte  der  Roman  Hanemann  von  dem  in  Danzig  lebenden  Schriftsteller
Stefan  Chwin.  Allerdings  muß  die  polnische  Kultur  das  Thema  mit  einem
anderen  Schlüssel  behandeln.  In  Hanemann  wird  der  Leser  mit  bewußt
langatmigen  Aufzählungen  der  von  Deutschen  hinterlassenen  Güter  gelang-Der

  jüngste  in  diesem  Pantheon,  Wlodzimierz  Odojewski,  ist  Autor  eines  sehr
romantischen  Romans  über  die  Kresy  -Zawieje  nas,  zamiecie...

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