Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

1. Der  Mythos  der  Kresy

Geographisch-politisch  gesehen  handelt  es  sich  um  ethnisch  gemischte  polnischlitauisch-weißrussische
  und  polnisch-ukrainische  Grenzgebiete  der  ehemaligen
Republik  zweier  Nationen  (Rzeczpospolita  Obojga  Narodöw  -  so  war  der
offizielle  Name  Polens  im  Bund  mit  dem  Großfürstentum  Litauen).  Auf  dieses
Terrain  haben  viele  andere  Kulturen  und  Sprachen  ihre  Ansprüche  -  an  erster
Stelle  wären  noch  Ukrainisch  und  Weißrussisch  zu  nennen.  Aus  verständlichen
Gründen  beschränke  ich  mich  auf  die  Betrachtung  des  Themas  aus
polnischer  Sicht,
Das  schwierig  zu  übersetzende  Wort  Kresy,  wie  auch  seine  Synonyme
pogranicze,  (s)kraj,  rubiez  (etymologisch  auch  Ukraina  -  Ukraine,  bei  Linde1
noch  klein  geschrieben  als  nomen  appelativum  ukraina  im  Sinne  von
,Grenzland1),  hat  eine  relativierende  oder  besser  gesagt  eine  relationale
Bedeutung.  Es  wird  Bezug  auf  ein  Zentrum  genommen,  in  Verhältnis  zu  dem
etwas  als  Kresy  ,Randgebiet1  steht.  Jedes  Land,  jedes  Territorium  hat  seine
Randgebiete.  Auch  im  Bereich  der  Kultur  scheint  die  Opposition  ,Zentrum1  :
,Peripherie1  zu  funktionieren.  Für  die  polnische  Geschichte  und  Kultur  ist  diese
Gegenüberstellung  besonders  signifikant,  was  es  schwierig  macht,  eine  passende
Übersetzung  für  die  Bezeichnung  Kresy  im  Deutschen  zu  finden,  obwohl  dieses
Substantiv  im  Polnischen  eigentlich  ein  Germanismus  ist  (vermutlich  handelt  es
sich  um  die  deutsche  Entlehnung  Kreis  -  vgl.  Nagörko  1994,  S.  43f.).  Dieses
Wort  ist  stark  axiologisiert  worden,  es  ist  mit  Konnotationen  besonderer  Art
verbunden,  so  daß  es  sich  oft  nicht  mehr  um  eine  territoriale  Bedeutung
handelt,  sondern  mehr  um  einen  Mythos  -  ein  mythisches,  weites  Land,  das  es
auf  keiner  Landkarte  mehr  gibt,  welches  aber  immer  noch  im  polnischen
Nationalbewußtsein  verankert  ist  und  ohne  Zweifel  zum  kulturellen  Kode
gehört.2  Man  möchte  gleich  hinzufügen:  nicht  unbedingt  als  Zeichen  eines  von
der  Großmacht  träumenden  Hurra-Patriotismus.
Etwas  zugespitzt  könnte  man  die  These  formulieren:  die  ehemaligen
Ostrandgebiete  Polens  waren  eine  Peripherie  ohne  Zentrum  -  als  Quelle  der
Talente,  als  Geburtsort  der  großen  Literatur  der  Romantik  (die  zwei  größten
Dichter  A.  Mickiewicz  und  J.  Slowacki  stammen  von  dort).  Auch  das  XX.

S.  B.  Linde:  Siownik  jgzyka  polskiego,  Bd.  6,  Warszawa  1817,  S.  121.
Wie  stark  dieser  Mythos  immer  noch  ist,  hat  der  Riesenerfolg  der  Verfilmung  des
Romans  H.  Sienkiewiezs  Ogniem  i  mieczem  {Mit  Feuer  und  Schwert)  gezeigt,  dessen
Handlungsort  südöstliche  Randgebiete  der  ehemaligen  Rzeczpospolita  sind.  Das
Filmepos  von  Jerzy  Hoffman,  das  im  Februar  1999  in  die  Kinos  gekommen  ist,  hat  in
Polen  eine  neue  Welle  der  „Ukrainemanie“  ausgelöst.  Das  populäre  Lied  über  die
Ukraine,  das  in  der  Filmmusik  zum  Leitmotiv  wurde,  haben  sich  sogar  auf  den  Straßen
Warschaus  musizierende  exotische  peruanische  Indianer  angeeignet,  was  die
Spendenbereitschaft  der  Passanten  deutlich  angekurbelt  hat.

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