6.3. Und schließlich gibt es die Möglichkeit, das Ungleichgewicht in ein
Gleichgewicht zu verwandeln, indem die auf das Verhältnis einwirkenden
Kräfte verändert werden (,,Offensiv“-Lösung), Sie liegt vielen in letzter Zeit zu
beobachtenden sogenannten ,,Revival“-Phänomenen zugrunde.53 Das „Ethnische“
und ganz besonders das „Minoritäre“ wird von einem Makel zu einem
Vorzug umgewertet, gewinnt an Anziehungskraft und kann unter Umständen
sogar den eigentlich stärkeren Partner überflügeln. Diese Erscheinung wird
häufig auch als Parallel-Erscheinung zur allgemein beobachtbaren Stärkung des
regionalen Bewußtseins gesehen. Ansätze für die „Offensiv“-Lösung sind auch
im sorbischen Bereich zu erkennen: die unerwartet hohe Popularität der
WITAJ-Kindergärten gerade auch bei Zugezogenen ist ein Beispiel dafür.
Nicht zu verkennen ist allerdings, daß auch diese Lösung in den meisten Fällen
die Entwicklung nur verlangsamen, nicht aber aufhalten oder gar umkehren
kann. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen sind die assimilierenden Faktoren
meist, jedenfalls auf Dauer, stärker als diejenigen, welche die Selbstbehauptung
fördern. Zum andern sind die Vertreter und Anhänger der „Offensiv“-Lösung
oft in der eigentlich sprach- bzw. kulturtragenden Bevölkerung nicht verankert.
So kann es zu einem Bruch zwischen ersteren und denen kommen, denen
geholfen werden soll. Insofern kann eine solche Bewegung unter Umständen
mehr Schaden anrichten, als sie Nutzen bringt.54
7. Abschließend soll der Blick noch einmal auf das Phänomen der Grenzräume
ohne Grenzen allgemein gerichtet werden. Im Grunde genommen sind alle
mehrsprachigen Gebiete Grenzräume ohne Grenzen, in denen sich Sprachen
und Kulturen mischen. Grenzräume ohne Grenzen und unter ihnen insbesondere
die Inseln zeigen aber auch sehr deutlich die Problematik der
Mischung. Echte Mischung ist nämlich nur zwischen mehr oder weniger gleich
starken Partnern möglich und hat nur in einer solchen Gleichgewichtssituation
Aussicht auf Bestand. Zwischen ungleichen Partnern führt sie unweigerlich
zum Aufgehen des Schwächeren im Stärkeren, wobei vom Schwächeren auch
im besten Falle nur Reste überdauern. Insofern ist der heutige kulturwissenschaftliche
„Diskurs“, der eher der Mischung das Wort redet, zumindest
53 Beispiele dafür sind etwa in Europa die keltische Renaissance, die am deutlichsten in
Wales zu beobachten ist, der Aufschwung des Katalanischen und des Kaschubischen, die
rusinische Bewegung v.a. in der Slovakei und z.T. auch Entwicklungen im Elsaß. Vgl.
zum Problem der sprachlichen Revitalisierung Ellis/Ghobhainn 1971, Fishman 1990 und
1991, St.Clair/Leap 1982.
54 Ein Beispiel dafür ist wiederum das Sorbische in der Niederlausitz. Die Förderung des
Sorbischen nach dem zweiten Weltkrieg wurde ganz wesentlich von Sorben aus dem
obersorbischen Sprachgebiet betrieben, was in der Niederlausitz zu einer Entfremdung
zwischen der eigentlich sprachtragenden dörflichen Bevölkerung und den sogenannten
„Berufssorben“ führte.
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