stigmatisiert, und zum Teil wird sie auch produktiv genutzt (dies gilt insbesondere
für die sprachspielerische Wortkunst von Lorenc).52
6. Aus dem bisher Gesagten ließe sich der Eindruck gewinnen, daß Mischung
nur positiv zu bewerten sei, Abgrenzung ein Überbleibsel aus nationalistisch
geprägter Vergangenheit darstelle und deshalb alles, was zur Mischung beiträgt,
Unterstützung verdiene. Dem ist aber nicht so. Gerade die hier nachgezeichnete
Entwicklung der „slavischen Inseln im deutschen Meer“ und insbesondere des
Sorbischen belegt, daß Mischung oft nur ein vorübergehender Zustand ist.
Damit Mischung beständig sein kann, muß zwischen den Beteiligten ein
ungefähres Gleichgewicht der Kräfte bestehen. Sonst führt Mischung zu einem
Aufgehen des schwächeren Partners im stärkeren, und von ersterem bleiben nur
noch für Spezialisten erkennbare Spuren übrig (sprachlich etwa in Form eines
Substrats). So ist etwa die Beeinflussung des Deutschen insgesamt durch
slavisches Substrat äußerst gering, und selbst die regionalen Formen in den
heute germanisierten Gebieten sind nicht in erheblichem Ausmaße von der
früheren Mischsituation geprägt. Fehlt aber das Gleichgewicht, so gibt es nur
wenige Möglichkeiten, das Aufgehen des schwächeren Partners im stärkeren zu
verhindern.
6.1. Die eine Möglichkeit besteht darin, Mischung zu verhindern („Reservats“-Lösung).
Sie scheitert im vorliegenden Fall daran, daß eine völlige Unabhängigkeit
der slavischen Bevölkerung von der deutschen nicht möglich ist und
auch von keiner der beiden Seiten gewünscht wird. Auch die Versuche, die
Trennung wenigstens auf kulturellem Gebiet durchzusetzen, sind im Endergebnis
erfolglos geblieben.
6.2. Ein anderer Ansatz geht dahin, das Ungleichgewicht durch Gegenmaßnahmen
auszugleichen (,,Kompensations“-Lösung). Eine solche Konzeption
liegt vielen Modellen zugrunde, die von Minderheiten-Organisationen befürwortet
werden. Letztlich ist sie auch die Grundlage der Minderheitenpolitik
Deutschlands gegenüber den Sorben. Sie besteht darin, das Ungleichgewicht
auf gewissen Gebieten durch überproportionale Förderung (insbesondere durch
Subventionierung) auf diesen oder anderen Gebieten auszugleichen. Die
bisherige Erfahrung hat allerdings gezeigt, daß dieser Ansatz die Entwicklung
zwar verlangsamen, aber letztlich nicht aufhalten kann. Die auszugleichenden
Faktoren sind so übermächtig, daß durch kompensatorische Maßnahmen kein
echtes Gleichgewicht hergestellt werden kann.
52
Vgl. zu dieser Entwicklung Koschmal 1995 und besonders zu Lorenc Koschmal 1998.
Von Lorenc liegt jetzt ein Beitrag mit dem bemerkenswerten Titel „Die Insel schluckt das
Meer“ vor (Lorenc 1999).
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